Musikbranche im Internet: „Downloads sind die Peitsche für den Künstler“ (Spiegel Online, 17.8.2010)

Musikbranche im Internet

„Downloads sind die Peitsche für den Künstler“

Der Musikmarkt schrumpft, die Branchenriesen jammern – Schuld hat angeblich das Internet. Das aber soll gerade Kleinen auch Chancen bieten: SPIEGEL ONLINE fragt unabhängige Musiker, Booker und Labelgründer, was sie aus der Krise machen und wie man heute von Musik lebt.

Spiegel Online, 17.8.2010

{jumi [*3]}

Zum Special auf Spiegel Online (Interaktive Grafik, Statistiken, Hörproben, O-Ton-Protokolle):

musikgeschft

 

Musik ist viel mehr als ein Geschäft, aber sie ist eben auch eines. Darüber, wie sich dieses Geschäft entwickelt, gibt es viele Meinungen. Besonders laut und oft wird dieser „common senf“ vorgetragen: Das Internet macht die Musikindustrie kaputt! Oder das Gegenstück: Die Musikindustrie hat das Internet nicht verstanden!

Stimmt das? Im Vergleich zur Verlags- und Filmindustrie versorgt die Musikbranche die Kunden inzwischen mit sehr vielen Digitalangeboten. Aus Konsumentensicht gibt es eine wirklich neue und fundamentale Entwicklung: Wer Musik liebt, wollte sie früher nicht nur hören, sondern horten.

Inzwischen verliert bei jungen Vielhörern der Musikbesitz an Bedeutung. Ein bestimmtes Album mit Booklet oder eine besondere Single sind längst nicht mehr für alle Musikfans das Objekt der Begierde.

Deshalb stehen bei Streaming-Plattformen nicht mehr einzelne Titel im Mittelpunkt, die man für immer besitzen kann. Stattdessen erhält man gegen einen Pauschalbetrag Zugriff auf den gesamten Musikbestand.

Was diese Entwicklung für den Musikmarkt bedeutet, ist noch unklar. Die Umsatzzahlen zeigen erst einmal in eine Richtung – nach unten. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede. Die wichtigsten Erkenntnisse aus den Zahlen (detaillierte Verlaufsdiagramme in der Fotostrecke unten):

Im Klartext heißt das: Kunden glauben, monatlich für ein fixes Datenvolumen zu bezahlen, über dessen Nutzung sie bestimmen dürfen. Tatsächlich sehen die Verträge des Providers aber so aus, dass bestimmte Datenpakete dann doch nicht eingeschlossen sind.

  • Seit 2004 schrumpft der Musikkaufmarkt in Deutschland, allerdings erheblich langsamer als in den USA, Frankreich und Großbritannien.
  • Die Umsätze mit digitaler Kaufmusik wachsen, fangen aber den Verlust bei den Tonträgern nicht auf.
  • Während die Kaufmusik-Einnahmen sanken, stiegen die Umsätze mit Livemusik-Veranstaltungen in Deutschland jedes Jahr, allerdings brachen 2008 die Liveumsätze erstmals ein.
  • Den stärksten Umsatzeinbruch musste der deutsche Musikkaufmarkt 2003 hinnehmen – da schrumpfte der Markt um 17 Prozent. Von 1999 bis 2009 gab es 42 Prozent Verlust.

Die Statistik zeigt: Der Markt schrumpft, die deutsche Musikindustrie kommt aber vergleichsweise gut davon. Wie sehr die großen Musiklabels über die Krise und Raubkopien klagen, liest man überall. Wie sich der Musikkonsum geändert hat, weiß jeder Nutzer aus eigener Erfahrung. Aber wie erleben Musiker, Labelgründer und Booker den Wandel? Jene Mehrheit im Musikgeschäft, die keine Millionen verdient und unabhängig von Casting-Shows, Marketing-Budgets und Fernseh-Kooperationen Musik macht?

 

SPIEGEL ONLINE hat die Kleinen und Mittelgroßen der Branche gefragt, was sie aus der Krise machen und protokolliert, wie man heute von Musik lebt.