Geodatengesetz: Sammler, über die noch keiner spricht (Spiegel Online, 20.9.2010, mit Matthias Kremp)

Geodatengesetz

Sammler, über die noch keiner spricht

Wer darf wann erfassen, wo man sich aufhält, wie man wohnt? Vertreter von Wirtschaft und Politik diskutieren in Berlin den Umgang mit Geodaten. Die beteiligten Minister sprechen vor allem über Street View – und verwechseln dabei allerhand.br />

Spiegel Online, 20.9.2010, mit Matthias Kremp

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Selten ist sich die Politik so einig wie beim Thema Geodaten. Im Streit über den Internetdienst Google Street View will die Bundesregierung vorerst nur besonders schwerwiegende Eingriffe in die Privatsphäre per Gesetz verbieten. Dazu zähle etwa die zielgerichtete Erstellung von Bewegungs- und Persönlichkeitsprofilen, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere nach dem Geodaten-Gipfel in Berlin.  Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) fordert im „Tagesspiegel“: „Eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft reicht aus meiner Sicht nicht aus“.

Sind Geodaten generell böse?

 

Aber was meinen die Minister eigentlich mit Geodaten? Die Aussagen klingen alle so, als sei ein Geodatendienst eine Landkarte mit Straßenfotos – Street View eben. Dabei gibt es eine Reihe neuer, nicht ganz so plakativ zu kritisierender Dienste, über die jeder nachdenken sollte, den Straßenpanoramen schockieren. Im Interview mit „Legal Tribune Online“ deutet die Justizministerin das auch an. Google Street View sei sicher nicht das größte datenschutzrechtliches Problem, das größte Problem sei „die mögliche Verknüpfung der Datenberge, die Geodatendienste wie Google Street View anhäufen“, erklärt sie.

Nun kann Google mit Street View gar nicht die Aufenthaltsorte einzelner Personen erfassen. Das wäre aber sehr wohl mit anderen Diensten möglich. Hier einige der Angebote, über die vor dem sogenannten Geodatendienste-Gipfel niemand spricht:

 

  • Apple nutzt über eine Funktion im iPhone-Betriebssystem die Telefone aller Kunden, um die Positionen von W-Lan-Hotspots und Mobilfunkmasten zu ermitteln und in einer Datenbank zu erfassen. Das Gerät überträgt die erfassten Positionsdaten alle zwölf Stunden an Apple, wenn eine verschlüsselte W-Lan-Verbindung aktiv ist. Die Software versieht die Daten laut Apple mit einer per Zufallsgenerator alle 24 Stunden neu erstellten Identifizierungsnummer, so dass sie nicht zu einem bestimmten Gerät oder Nutzer zurückverfolgt werden können. Gespeichert würden sie dann in einer sicheren Datenbank, auf die nur Apple zurückgreifen könne.

 

  • Mobilfunkunternehmen werten die Datenspuren von Handys schon lange aus – anonymisiert. Der Mobilfunkanbieter Vodafone übermittelt zum Beispiel in Deutschland und anderen EU-Staaten ständig Bewegungsprofile aus seinem Netz an den Navi-Hersteller TomTom zur Verbesserung des Stauprognose-Dienstes „HD Traffic“. Persönliche Daten werden nicht weitergegeben. Für die Stauprognose ist es unwichtig, wer sich wo befindet. Wichtig ist allein die Information: Wo sich Handys auf den Straßen kaum bewegen, gibt es ein Problem.

 

  • Facebook wird wahrscheinlich noch irgendwann in diesem Jahr seinen Lokalisierungsdienst Places auch in Deutschland anbieten, der schon in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verfügbar ist. Das Grundprinzip des Angebots ist nicht neu. US-Mitglieder von Facebook (und bald auch die anderen) können bei vielen Aktionen in der Community ab sofort ihren Standort mit angeben. Der Dienst ist zwar standardmäßig aktiviert – passieren kann dadurch aber nichts. Denn der Nutzer muss die Lokalisierungsfunktion aktiv bedienen. Wenn er das nicht macht, wird Facebook keine Standortinformation veröffentlichen. Hier steckt die Tücke im Detail: Wie muss Facebook diese Daten sichern? Wie müssen Menschen zustimmen, dass Dritte sie verorten? Sollte geregelt werden, ob jemand veröffentlichen darf, dass an einem bestimmten Ort eine private Feier stattfindet, ohne dass der Veranstalter zugestimmt hat?

Experten weisen schon seit langem darauf hin, dass die Politik sich Gedanken über die Ansprüche an die Anonymisierung von Handy-Bewegungsdaten machen müsse. Mobilfunkexperte Michael May, der am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) neue Verfahren und Anonymisierung von Mobilfunkdaten untersucht, erklärte zum Beispiel im Sommer SPIEGEL ONLINE: „Die Hürden für eine genaue Verfolgung einzelner Nutzer und Nutzergruppen von Mobilgeräten werden in Zukunft nicht technische sein. Die Politik muss entscheiden, welche Auswertung zulässig und gesellschaftlich erwünscht ist.“

Das Problem bei der Anonymisierung: Je größer die Datensätze sind, desto leichter kann man die Identität des Nutzers rekonstruieren. Wenn nur Name oder Gerätenummer durch Pseudonyme ausgetauscht werden, lässt sich anhand der Bewegungsmuster schnell herausfinden, wo der Nutzer arbeitet, lebt, wann und wo er Urlaub macht – das kann genügen, um einen Namen zuzuordnen.

Das alles ist ungleich komplizierter zu erklären als Googles Straßenpanoramen. Wahrscheinlich waren deshalb beim Spitzengespräch zu Geodatendiensten auch nur bebilderte Landkarten ein Thema – nicht die Umgebungsscanner, zu denen sich Smartphones inzwischen entwickelt haben. Was Street View mit „der zielgerichteten Erstellung von Bewegungs- und Persönlichkeitsprofilen“ zu tun hat, wird das Geheimnis des Bundesinnenministers bleiben.

Mit Material von dpa/AFP/Reuters

Diese Formulierung klingt einerseits nach einem Dementi, andererseits sagt sie nicht Konkretes darüber aus, ob Facebook nun ein Betriebssystem oder eine wie auch immer geartete Software für Mobilgeräte entwickelt, die über eine bloße Anwendung hinausgeht, mit der man auf das Facebook-Netz zugreifen kann.

Mehr Infrastruktur

Es könnte also durchaus sein, dass einige Facebook-Entwickler an einem Betriebssystem für Mobiltelefone arbeiten. Quellen des US-Fachdienstes „Cnet“ bestätigen diese Vermutung. Facebook hat „Cnet“ zufolge mit Mobilfunk-Unternehmen und Hardware-Herstellern über eine mögliche Kooperation bei der Entwicklung eines Mobiltelefons gesprochen und Anregungen für die Software gesammelt. Eine direkte Nachfrage von „Cnet“, ob Facebook eine solche Kooperation plane, hat das Unternehmen nicht beantwortet.

Dieses Vorgehen würde zur bisherigen Facebook-Strategie passen. Das soziale Netzwerk entwickelt sich von einer Web-Seite zur Infrastruktur weiter, die Dritte in ganz unterschiedlichen Web-Angeboten, Anwendungen und Geräten integrieren können. Im Frühjahr hatte Facebook eine Reihe von Werkzeugen für Webseiten vorgestellt, mit denen die Betreiber Facebook-Funktionen integrieren können. Mit einem Klick auf die Aussage „Gefällt mir“ können Facebook-Nutzer auf solchen Seiten zum Beispiel alles mögliche loben – Fotos, Texte, Kommentare anderer. Über das sogenannte Open Graph Protocol teilt Facebook mit den angeschlossenen Seiten Informationen über Vorlieben und Verhaltensweisen der Nutzer. Möglich wäre zum Beispiel das: Wer in seinem Facebook-Profil David Bowie als Lieblingsmusiker angibt, bekommt bei einem mit Facebook vernetzten Musikangebot im Web erst mal David Bowie zu hören.

Kooperationen mit Mobilfunkanbietern

Die Kooperationsstrategie zielt darauf ab, die Facebook-Infrastruktur möglichst eng in alle digitalen Angebote einzubinden. Googles Suchindex verzeichnet, wo was im Netz steht und wer darauf verweist. Facebook protokolliert hingegen, wie Nutzer mit Seiten interagieren, was sie empfehlen und auf welche Empfehlungen sie reagieren. Je mehr Anbieter Facebooks Dienste einbinden, desto besser wird die Datenbasis nutzbar, um zum Beispiel die Vorlieben bestimmter demografischer Gruppen daraus abzuleiten.

Da immer mehr Nutzer das Netz immer länger mit Mobilgeräten nutzen, ist die Integration der Facebook-Infrastruktur in diese Zugangsgeräte eine logische Konsequenz der bisherigen Anstrengungen des Unternehmens. Facebook arbeitet bereits mit Mobilfunk-Unternehmen zusammen: Im Mai hatte das Unternehmen Abkommen mit 50 Mobilfunkanbietern in 45 Ländern geschlossen, wonach Mitglieder künftig über die neu eingerichtete Seite 0.facebook.com kostenlos mit ihren Mobilgeräten auf das Netzwerk zugreifen können – zum Beispiel in Dänemark, Bolivien, Türkei, Indien, Uganda und Sri Lanka.

Fraglich ist, ob eine wie auch immer geartete Einbindung der Facebook-Infrastruktur bei einem Mobiltelefon tatsächlich als Facebook-Telefon vermarktet werden wird. Google und Microsoft haben mit ihren unter eigenem Namen vermarkteten Geräten – Googles Nexus One und dem Kin – schlechte Erfahrungen gemacht. Die Geräte (deren Entwicklung von beiden Unternehmen vor Veröffentlichung dementiert wurde) waren bei weitem nicht so begehrt, wie es die Firmen erwartet hatten, Google und Microsoft beendeten diese Projekte.

Allerdings entwickeln außer Facebook alle Netz-Riesen weiterhin eigene Mobil-Betriebssysteme, die dann Hardware-Hersteller wie HTC und Samsung bei ihren Endgeräten einsetzen. Google hat mit seinem kostenlosen Android-System den Marktanteil binnen zwei Jahren vervielfacht – und bei Smartphones sogar Apple überholt. Facebook-Manager dürften schon lange über einer Reaktion auf diese Entwicklung grübeln – schließlich ist Facebook letztendlich ein Infrastruktur-Unternehmen.