E-Book mit Touchscreen PRS-650 Der Streichel-Reader (Spiegel Online, 13.11.2010)

E-Book mit Touchscreen PRS-650

Der Streichel-Reader

Ein Touchscreen-Display so kontrastreich wie bedrucktes Papier – da bietet der Sony PRS-650 etwas Neues im Lesegeräte-Angebot. Die Bedienung ist dennoch unnötig mühselig – da zeigen Konkurrenzprodukte, wie es eleganter geht.

Spiegel Online, 13.11.2010

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Dazu gehört schon Chuzpe: Sonys neues Lesegerät für E-Books ist teurer als Amazons Konkurrenzprodukt Kindle und die fast aller deutschen Wettbewerber, aber neue E-Books lassen sich bei Sonys Edel-Reader nur per USB-Kabel aufspielen. W-Lan? Gar eine im Kaufpreis eingeschlossene Mobilfunk-Flatrate für Buchkäufe wie bei Amazon und Libri? Gibt es nicht. Dafür hat der Sony Reader PRS-650 immerhin ein großartiges Display.

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Der E-Ink-Bildschirm ist erheblich kontrastreicher als die der Konkurrenzprodukte – allein Amazons neuer Kindle stellt Schwarz und Weiß so gestochen scharf und dem Druckbild so ähnlich dar. Einen gewaltigen Unterschied gibt es aber: Bei Sony ist dieses für digitale Tinte sehr schnell reagierende Display berührungsempfindlich. Die Darstellung leidet beim PRS-650 nicht unter dem Touchscreen (das Vorgänger-Modell spiegelte störend und hatte ein sehr maues Kontrastverhältnis), weil seitlich im Bildschirmrand eingebaute Infrarotsensoren nun registrieren, wo man das Display berührt.

Der Bildschirm reagiert schnell genug zum Zoomen

Das Display ist hervorragend, die Bedienung per Touchscreen funktioniert sehr gut – der Reader reagiert so schnell auf die Kommandos per Fingertipp, dass sich so auch Textpassagen frustfrei markieren lassen. Man kann sogar in einem PDF-Dokument einen relevanten Abschnitt heranzoomen und groß aufziehen, ohne dass die leichte Verzögerung beim Bildaufbau groß stört.

Das Display ist allerdings auch das beste Element des Sony PRS-650 – andere Elemente der Bedienung sind weit weniger elegant gelöst. Das Kaufen und Aufspielen neuer E-Books ist so unkomfortabel wie beim Weltbild 99-Euro-Reader Aluratek Libre: Man muss einen Computer einschalten, das Lesegerät anschließen, Sony-Software installieren. Wer dann im Sony-Programm („Reader Library“) auf den „Ebook Store“ klickt, findet dort nur Links zu diversen E-Buchläden im Netz wie Thalia und Libri. Da muss man einen Account anlegen, Bücher kaufen, im Browser die Dateien herunterladen, dann wieder ins Sony-Programm wechseln und dort die Titel aufs Lesegerät übertragen.

Kopierschutz verkompliziert die Bedienung

Und es gibt noch ein Hindernis: Da deutsche Verlage fast nur kopiergeschützte E-Books verkaufen, muss man sich noch beim Software-Hersteller Adobe registrieren und dieses Login dann in der Sony-Software hinterlegen.

Das ist so kompliziert wie es klingt. Zum Vergleich ein Einkaufsvorgang bei Amazons Kindle oder dem Thalia Oyo (hier allerdings eine W-Lan-Anbindung vorausgesetzt): Auf einen Computer kann man bei diesen Geräten verzichten und die E-Books direkt über das Lesegerät im entsprechenden E-Buchladen einkaufen.

Die Bedienung des PRS-650 ist in anderen Details ähnlich holprig: Um das Lesegerät mit einem anderen Adobe-Konto (Kopierschutz) zu verknüpfen, mussten wir das Gerät zurücksetzen – im Menü war kein Punkt für die Kopierschutz-Anbindung zu finden, ein entsprechender Eintrag im Stichwortregister fehlt ebenso.

Die Synchronisierung von Markierungen in Büchern enttäuscht: Eigentlich fällt es ja dank des Touchscreens viel leichter als beim Kindle, wichtige Passagen zu markieren und als Notizen zu speichern. Allein: Eine Übersicht der Notizen findet man nach der Synchronisierung nicht in der Sony Software – man kann nicht einfach so die Kernthesen eines Buchs in einem Dokument zusammenfassen, ganz zu schweigen davon, dass man solche Notizen sehr gerne mit digitalen Notizbuchdiensten wie etwa Evernote synchronisieren oder auch nur irgendwo über eine Weboberfläche abrufen würde.

Man könnte aus dem großartigen Display und der sehr komfortablen Touchscreen-Bedienung des neuen Sony-Readers viel mehr machen. Mit besserer Software und Integration in Webdienste könnte sich dieser Reader sehr gut als Werkzeug zum Lesen und Exzerpieren von Sachbüchern nutzen. Das funktioniert beim allein per Tasten zu bedienenden Kindle nicht, das Amazon-Lesegerät eignet sich hervorragend zum Lesen von Romanen oder Magazingeschichten – allzu viel markieren und notieren will man mit diesem Gerät aber nicht. Mit dem Sony PRS-650 leider auch nicht – dabei könnte eine Aktualisierung der Software das ändern.

Die Lesegeräte im Überblick

 

E-Reader: Lesegeräte von Acer, Aluratek, Amazon und Thalia
Weltbild Aluratek Libre Thalia Oyo (W-Lan) Kindle 3 (3G / W-Lan) Libri Acer Lumiread (3G / W-Lan) Sony PRS-650
Maße 15,4 cm x 10,9x 1,3 cm12,4 x 15,4 x 1,1 cm19,1 x 12,2 x 0,85 cm21 x 12 x 0,9 cm16,8 x 11,8 x 0,9
Gewicht 215 Gramm240 Gramm241 Gramm250 Gramm215 Gramm
Auflösung 800 x 600 Pixel800 x 600 Pixel800 x 600 Pixel800 x 600 Pixel800 x 600 Pixel
Bild-schirm-diagonale 12,7 cm15 cm15,2 cm15,2 cm15,2 cm
Anzeige 8 Graustufen mit LCD-Technik16 Graustufen (Besonderheit: Touchscreen)16 Graustufen mit Pearl-E-Ink-Technik16 Graustufen mit E-Ink-Technik16 Graustufen mit Pearl-E-Ink-Technik und Touchscreen
Speicher 100 MB (+ Steckplatz für SD)2 Gigabyte (+ Steckplatz für Micro-SD)4 Gigabyte2 Gigabyte (+ Steckplatz für Micro-SD)2 Gigabyte (+ Steckplätze für SD-Karten / Memory-Stick)
Schnitt-stellen Mini-USBMini-USB, W-LanKostenloser 3G Mobilfunk, W-Lan, Mini-USBKostenloser 3G Mobilfunk für Einkäufe, W-Lan, Mini-USBUSB
Preis 103,98 **139 Euroca. 169 Euro * (ca. 135 Euro für reine W-Lan-Version)229 ** (179 Euro für reine W-Lan-Version)229 Euro
* inkl. Versand und Vorab-Zollgebühren, Preis wird in US-Dollar erhoben ** inkl. Versand

Wer gern englischsprachige Titel im Original liest, findet auf dem Kindle das vielfältigste Angebot – die Preise liegen bei unseren Stichproben (auch wegen des schwachen Dollar) durchweg unter denen für deutsche Übersetzungen oder die wenigen englischsprachigen Digitalbücher bei Libri.

Wer aber auch gerne deutsche Neuerscheinungen liest und das unbedingt digital will, wird sich ein zweites Lesegerät anschaffen müssen, solange die deutschen Verlage und Amazon sich nicht einig werden.

Die Frage ist allerdings, ob man deutschsprachige Bücher derzeit wirklich digital lesen will. Unsere Stichprobe einiger Klassiker, weniger bekannter Romane und der Top-Fünf-Titel der aktuellen SPIEGEL-Bestsellerlisten (Taschenbuch und Hardcover, Belletristik und Sachbuch) zeigt: Die Mehrheit der Bestseller erhält man als Digitalausgabe, aber eben nicht alle. Die Digitalbücher sind ab und an günstiger als die Papierausgaben, in einigen Fällen aber sogar teurer – in einem Fall fünf Cent, in einem anderen gut acht Euro mehr als die günstigste Papierausgabe.

Bei Klassikern und älteren Titeln – hier haben wir mittels einer völlig subjektiv gewählten Stichprobe von Titeln nach Digitalausgaben gesucht – ist das deutschsprachige Angebot an Digitalausgaben miserabel.

Robert Musil? Friedrich Glauser? Gibt’s nicht. Absurderweise findet man ausgerechnet im Kindle-Angebot des US-Konzerns Amazon eine deutschsprachige Ausgabe der „Wachtmeister Studer“-Romane Friedrich Glausers. Aber auch bei Romanen aus Drittsprachen ist das Amazon-Angebot erheblich besser als das aller deutschen E-Buchläden: Fred Vargas und Arnaldur Indridason gibt es in englischer, nicht aber in deutscher Übersetzung digital, Jose Saramagos „Stadt der Blinden“ eigentlich auch – aber hier sind die Rechte an der Übersetzung nicht für Europa freigegeben.

Vielleicht lesen US-Bürger lieber Übersetzungen aus dem Französischen, Isländischen und Portugiesischen als deutsche Leser. Oder aber den US-Verlagen liegen diese Ausgaben mehr am Herzen als ihren deutschen Kollegen (Geld ist mit Klassikern ja nicht zu machen).

Das Chaos beim E-Book-Angebot schadet jedenfalls der gesamten Branche in Deutschland, den Papierhandel einmal ausgenommen. Solange es eher die Ausnahme als die Regel ist, dass man eine deutschsprachige E-Book-Ausgabe des gesuchten Titels findet, wenn es einmal nicht einer der aktuellen Bestseller ist, sind alle deutschsprachigen E-Book-Angebote nur zweite Wahl gegenüber dem Papier oder dem Kindle, wenn man denn Englischsprachiges liest.

SPIEGEL-Bestseller Belletristik (Top 5 Hardcover / Top 5 Taschenbuch)
Titel Print Kindle iBook-
store
Text-
unes
Libri Welt-
bild
Thalia
Ken Follett: Sturz der Titanen 289,91 **19,9922,90 *****19,9919,9919,99
Cornelia Funke: Reckless.Steinernes Fleisch 19,95
Jussi Adler-Olsen: Schändung 14,9012,9912,9912,99
Jussi Adler-Olsen: Erbarmen 14,9013,9913,9913,99
Tommy Jaud: Hummeldumm 13,9513,9913,9913,9913,99
Sabine Ebert: Der Fluch der Hebamme 9,999,999,999,99 ******9,99
Elizabeth Gilbert: Eat Pray Love 11,909 **4,99 **
Cecelia Ahern: Zeit deines Lebens 9,959,91 **16,999,9916,99
Ferdinand von Schirach: Verbrechen 8,958,9916,99
Henning Mankell: Der Chinese 10,9513,25 ***10,9910,9510,9510,95
Titel verfügbar10424878
* Dollarpreis in Euro umgerechnet ** das englische Original (Dollarpreis ggf. in Euro umgerechnet) *** englischsprachige Übersetzung, Dollarpreis in Eurio umgerechnet **** als Anwendung ***** Enhanced eBook ****** nicht für Lesegeräte

 

 

SPIEGEL-Bestseller Sachbücher Top 5 Hardcover / Top 5 Taschenbuch)
TitelPrintKindleiBook-
store
Text-
unes
LibriWelt-
bild
Thalia
Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab22,9918,9918,9918,9918,9918,99
Ronald Reng: Robert Enke19,95
Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld14,9512,9912,9912,9912,99
Natascha Kampusch: 3096 Tage19,958,40 ***7,49 ***
Roger Willemsen: Die Enden der Welt22,95
Stephan Serin: Föhn mich nicht zu9,959,999,999,99
Martin Doerry / Markus Verbeet: Wie gut ist Ihre Allgemeinbildung?5,004,994,994,994,99
Alice Schwarzer: Die große Verschleierung9,95
Helmut Schmidt / Giovanni Di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt8,958,998,998,998,99
Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!8,998,998,998,998,99
Titel verfügbar 10125666
* Dollarpreis in Eurio umgerechnet ** das englische Original (Dollarpreis ggf. in Euro umgerechnet) *** englischsprachige Übersetzung, Dollarpreis in Eurio umgerechnet **** als Anwendung ***** Enhanced eBook ****** nicht für Lesegeräte

 

Auswahl Belletristik Long Tail (7 deutsch-/ 7 englisch-/ 7 drittsprachige)
TitelPrintKindleiBookstoreTextunesLibriWeltbildThalia
Moritz von Uslar: Deutschboden19,9519,9919,9919,99
Joseph Roth: Radetzkymarsch5,002,17*4,994,994,99
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften15,00
Bernhard Schlink: Sommerlügen19,90
Sascha Lobo: Strohfeuer18,9518,99 ****18,9918,9918,9918,99
Leo Perutz: Zwischen neun und neun8,95
Friedrich Glauser: Wachtmeister Studer8,902,47
Mario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber10,00
Einar Már Gudmundsson: Engel des Universums8,95
Arnaldur Indridason: Kälteschlaf8,998,96 ***
Fred Vargas: Der vierzehnte Stein9,959,25 ***
Jose Saramago: Die Stadt der Blinden9,95
Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira7,90
Haruki Murakami: 1Q8432,0026,9926,9926,9926,99
David Peace: 19839,958,8 **13,92 **
Bret Easton Ellis: Glamorama12,959,91 **14,85 **
Neal Stephenson: Anathem29,957,9 **23,9923,9923,9923,99
Ian McEwan: Solar18,4913,59 **25,02 ***
Don Winslow: Tage der Toten14,958,73**
Jedediah Berry: Handbuch für Detektive19,958,48 **
Iain Banks: The Wasp Factory8,96 **
Titel verfügbar 201132755
* Dollarpreis in Eurio umgerechnet ** das englische Original (Dollarpreis ggf. in Euro umgerechnet) *** englischsprachige Übersetzung, Dollarpreis in Eurio umgerechnet

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