Brettspiel-Empfehlungen Mord im Fahrstuhl (Spiegel Online, 28.10.2010)

Brettspiel-Empfehlungen

Mord im Fahrstuhl

Türme bauen, Generäle bestechen und Spuren eines Mörders verwischen – SPIEGEL ONLINE empfiehlt unterhaltsame Gesellschaftspiele für die Stubenhocker-Saison, vom schnellen Kombinationsspiel für zwischendurch bis zum komplexen Aufbauwettstreit.

Spiegel Online, 28.10.2010

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Wenig Licht, viel Regen und bald auch noch Minusgrade: Die Brettspiel-Saison bricht an. Auf der Essener Spielmesse haben Verlage 650 Neuheiten präsentiert. Das perfekte Spiel, das alle gleich gut unterhält, war wieder mal nicht darunter – wie auch. Manche Spieler wollen schnell verstehen, wie ein Spiel funktioniert und dann in kurzen Partien immer wieder neue Situationen ausprobieren. Andere lieben komplexe Regeln, einen Spielverlauf mit mehreren Runden und Phasen mit möglichst vielen Ausnahmen. Und überhaupt – welche Rolle sollen Zufall und Taktik spielen?

Weil die Vielfalt so groß ist, empfiehlt SPIEGEL ONLINE Spiele, die auf ganz unterschiedliche Art gut unterhalten: komplexe Aufbauspiele, abstrakte, schnell zu erlernende, aber langsam zu meisternde Legespiele.

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Mord im Arosa – die Toten im Fahrstuhlschacht

„Mord im Arosa“ sollte man eigentlich nicht Brettspiel nennen – denn der wichtigste Schauplatz ist ein achtgeschossiger Pappturm mit einem Schacht, in den die Opfer (zwei rote Holzsteinchen) geworfen werden. Weil die Schachtöffnungen unterschiedlich groß sind, lässt sich nicht vorhersagen, auf welcher Etage die Steinchen liegen bleiben – da muss man genau hinhören und raten. Jede Etage lässt sich aufdecken, so kann überprüft werden, ob man richtig oder falsch lag. So beginnt das Turmspiel und es geht ähnlich unkonventionell weiter: Ziel ist es, so wenig Punkte wie möglich zu sammeln.

Das geht so: Jeder Spieler hat Spielsteinchen in einer eigenen Farbe. Die werden nach recht schnell zu begreifenden Regeln reihum in den Schacht geworfen, als Spuren. Je näher die eigenen Steine an den Tatorten liegen (den Etagen, wo im ersten Teil die Leichen entdeckt wurden), desto mehr Punkte erhält ein Spieler – er ist verdächtig. Die Spieler müssen einerseits die Spielsteine der anderen an den Tatorten aufspüren und andererseits die eigenen Steine von dort verschwinden lassen.

Der Zufall spielt dabei eine kleine Rolle (wohin fallen die Steine?), wichtiger ist schon, wie gut man hören und die Geräusche verorten kann (das trainiert das Spiel ganz gut). Taktisches Geschick hilft enorm – wer andere Spieler zu Unrecht verdächtigt, auf der aufgedeckten Etage kein Steine anderer findet, muss eine Reihe eigener Steine als Strafe in den Schacht hinabwerfen. Statt andere zu verdächtigen, kann man auch eigene Spuren verwischen – bei jedem Zug müssen die Spieler abwägen, welches Risiko sie eingehen wollen, wie hoch die Chancen stehen die Steine anderer in Tatortnähe zu entdecken und wie wahrscheinlich es ist, dass das beim nächsten Zug einem selbst passiert.

Der Spielablauf ist für die niedrige Lernkurve recht komplex und abwechslungsreich (konzentriert hinhören, abwägen, verdächtigen) – sehr unterhaltsam, nichts für stundenlanges Spielen am Stück, aber ein Spiel, das immer wieder Spaß macht.

Alessandro Zucchini: Mord im Arosa, Zoch Verlag, für 2 bis 6 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: ca. 30 – 45 Min., Preis: ab 19,99 Euro

 

Qwirkle – das Formen-Scrabble

Sechs Formen, sechs Farben und drei Spielsteine jeder Variante – das Spielmaterial von Qwirkle ist denkbar einfach. Das Spiel hat ein ausgezeichnetes Verhältnis von Lernkurve und Spielspaß – man hat nach fünf Minuten das Spielprinzip verstanden, kann es aber immer wieder spielen ohne dass der Ablauf langweilig wird.

Das Spielprinzip erinnert ein wenig an Scrabble: Die Spieler legen in einem Zug entweder Steine auf dem Spielfeld an oder sie tauschen von ihren sechs Steinen beliebig viele gegen neue, verdeckt gezogene ein. Die meisten Punkte bekommt ein Spieler, der eine perfekte Sechser-Reihe vollendet – entweder farblich (rote Steine mit sechs unterschiedlichen Formen) oder geometrisch passend (Steine mit sechs identische Formen in sechs unterschiedlichen Farben in einer Reihe). Es gibt auch für kleinere Erfolge Punkte, die schreibt man nach jedem Zug auf.

Der Zufall spielt eine kleine Rolle bei Qwirkle – man weiß ja nicht, welche Steine gezogen werden. Wichtiger ist es, das gesamte Spielfeld im Blick zu behalten und mögliche Anlegepunkte zu erkennen. Man kann andere Spieler blockieren, Spielsteine für eine perfekte Reihe horten oder anderen die Punkte für mühsam vorbereitete Reihen wegschnappen. Je länger eine Partie läuft und je mehr Steine offen auf dem Tisch liegen, desto wichtiger wird es auch, mal auszurechnen, wie viele Steine einer bestimmten Variante überhaupt noch im Umlauf sind.

All diese Ansatzpunkte zum Maximieren der eigenen Bilanz machen jede Qwirkle-Partie anders. Selbst wer abstrakte Legespiele eigentlich nicht so mag, kann sich wahrscheinlich für Qwirkle begeistern – dank des schnellen Einstiegs und des abwechslungsreichen Spielverlaufs (übersehene Anlegepunkte entdecken, andere blockieren, selbst Reihen vollenden).

Susan McKinley Ross: Qwirkle, Schmidt Spiele, für 2 bis 4 Spieler ab 6 Jahren. Spieldauer: ca. 45 Minuten, Preis: ab 22,99 Euro

 

Asara – viele schiefe Türme

Asara ist ein raumgreifendes Spiel – man braucht einen wirklich großen Tisch, um das Spielbrett und die dazugehörenden Karten für vier Spieler unterzubringen und man braucht Zeit, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Selbst auf der Spielmesse mit einigen recht erfahrenen Mitspielern dauerte es 40 Minuten, bis die Runde das Gefühl hatte, so einigermaßen zu wissen, was man da tut.

Aber die Lernzeit lohnt sich, wenn man komplexe Aufbauspiele mag. Das Ziel bei Asara ist es, in vier Spielphasen möglichst viele, schicke und hohe Türme zu errichten. Man muss Geld auftreiben, Bauteile erwerben und dann für den Bau bezahlen. Das ist im Detail erheblich komplexer – es gibt für unterschiedliche Bauwerke unterschiedlich viele Punkte, man kann entscheiden, ob man lieber schnell wenige Punkte sammeln oder über längere Zeit an einem möglichst pompösen Bauwerk arbeiten will. Punkte werden nach jeder Spielphase und dann noch einmal am Ende des Spiels für die fertig gestellten Bauwerke verteilt. Diese Spielmechanik führt dazu, dass auch noch gegen Ende des Spiels ein bis dahin nicht ganz so erfolgreicher Spieler mit einem großartigen, lange geplanten Werk an den anderen Baumeistern vorbeiziehen kann.

Ganz so komplex, wie Asara beim ersten Spiel wirkt, ist die Mechanik dann doch nicht. Es gibt nicht besonders viele Möglichkeiten, mit den anderen Spielern zu interagieren, die meiste Zeit ist jeder Spieler mit dem eigenen Aufbau beschäftigt. Es fehlt ein Gegengewicht dazu – also zum Beispiel eine Möglichkeit, die Türme seiner Konkurrenz zu beschädigen oder deren Arbeit zu sabotieren. Asara wird man deshalb wohl nicht Woche für Woche stundenlangen spielen – die Partien verlaufen zu ähnlich. Eine nette, anspruchsvollere Ergänzung zu anderen Spielen ist es aber doch.

Michael Kiesling,. Wolfgang KramerRoss: Asara, Ravensburger, für 2 bis 4 Spieler ab 6 Jahren. Spieldauer: ca. 60 Minuten,, Preis: ab 29,99 Euro

 

Revolution – Bestechen, Verprügeln, Erpressen

Das Ziel des Spiels ist erfrischend zynisch: Ähnlich wie im Klassiker „Junta“ muss man sich an die Macht putschen, mit Gewalt und Geld Unterstützer auf seine Seite ziehen und die wichtigen Machtzentren einer Stadt (Markt, Militär usw.) für sich einnehmen.

Es geht natürlich darum, Punkte zu sammeln (die Zustimmung der Unterstützer), interessant wird das, weil man nicht immer weiß, mit welchen Methoden die Mitspieler gerade wo zugange sind. Nicht alle Einflussversuche wirken gleich gut (wenn jemand es nur mit Geld versucht, wird er wahrscheinlich von einem Mitspieler geschlagen, der derselben Person Gewalt androht und vielleicht noch einen Erpressungsversuch startet). Auch wirken nicht alle Einflussmöglichkeiten bei allen Personen gleich gut – insofern muss man gut abwägen. Und, da alle Spieler um dieselben Orte und Fraktionen konkurrieren, hilft es, den anderen etwas vorzuspielen und die Reaktionen gut zu beobachten.

Das schnell erlernte Spiel ist wegen dieser Interaktionen zwischen den Spielern sehr unterhaltsam, der Zufall spielt bis zum Ende eine kleine Rolle. Ein großartiges Spiel, auch oder gerade für Gelegenheitsspieler – man sollte etwas Humor haben, um die Effektivität von Korruption und Erpressung zu debattieren.

Philip du Barry: Revolution!, Pegasus für 3 bis 4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer: etwa 60 bis 90 Minuten, Preis: ab 19,99 Euro

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