Spiele für zwischendurch Große Ideen gibt’s fast geschenkt (Spiegel Online, 13.11.2010)

Spiele für zwischendurch

Große Ideen gibt’s fast geschenkt

Winziges Budget, schöne Ideen: Unabhängige Spielentwickler setzen originelle Ansätze als Browser-Games oder iPad-Spiele um. Da springt man auf dem Kopf des eigenen Schattens durch ein Labyrinth oder steuert fliegende Pilze durch Höhlen. Eine Auswahl der schönsten Spiele – die meisten gibt es kostenlos.

Spiegel Online, 13.11.2010

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Gar nicht so einfach zu beschreiben, wer oder was die Helden dieses Spiels sind: Sie sehen aus wie weiße Pilze mit schwarzen Knopfaugen, aber sie sind federleicht – ein leichter Windhauch pustet die Wesen durch die Spielwelt, aus großer Höhe schweben sie sanft hinab, ihr Deckel fängt sie wie ein Fallschirm auf. Was auch immer sie sind, die sphärischen Pilzwesen wirken sehr niedlich.

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Das motiviert die Spieler, denn die Aufgabe in „Spirits“ ist es, diese Wesen sicher durch wunderschöne Labyrinthe zum Ausgang zu navigieren.

Ähnlich wie die Lemminge im Spielklassiker gleichen Namens laufen und schweben die Pilzwesen in einer Reihe durch die Gegend, bis man ihnen andere Anweisungen gibt, Treppen baut oder Hindernisse aus dem Weg räumt. Der Weg zum Ausgang ist immer blockiert, man muss Höhen überwinden und die Winde in den Höhlenlandschaften ausnutzen.

Diese Jobs erledigen die Pilzwesen auf Anweisung der Spieler: Einige Wesen buddeln sich durch Hindernisse, andere pusten ihre Kollegen durch die Gegend oder verwandeln sich in eine Rankenrampe, die dann alle nachfolgenden Figuren hinaufsteigen.

 

Wer so einen Job erledigt, kommt nicht mehr zum Ausgang, und das erhöht die Schwierigkeit des Spiels. Denn in jedem Labyrinth gibt es eine Vorgabe, wie viele Pilzwesen man mindestens zum Ausgang bringen muss.

Spirits – die Armee der fliegenden Pilze

Die Vorgaben, was als Erfolg zählt, kann der Spieler mit unterschiedlichen Kombinationen erfüllen – und manchmal sogar übertreffen. Es gibt immer mehr als einen Lösungsweg.

Die relative Freiheit bei der Aufgabenerfüllung steigert den Reiz des Spiels erheblich, „Spirits“ wirkt in den besten Momenten wie eine Versuchsanordnung, die der Spieler recht frei aufbaut und den Gegebenheiten der Spielwelt anpasst.

Die Welt von „Spirits“ ist wunderschön: Warme Farben, glitzernder Staub, den der Wind durch die Höhlen pustet, mit viel Detailliebe animierte Figuren, verzaubernde Musik – das Spiel schafft eine eigene entrückte Stimmung, ähnlich wie es dem abstrakten Titel „Osmos“ gelingt. Zum Vergleich mit dem möglichen Vorbild: „Lemmings“ war lustig, „Spirits“ ist schön.

Mattias Ljungström, Marek Plichta, Martin Straka: “ Spirits„, iPad 3,99 Euro, iPhone (erscheint im Dezember) 2,39 Euro, kostenlose Browser-Version von Lemmings zum Vergleich

„Chaos Invaders“ – Aliens fangen und schubsen

Spielt man diese Neuinterpretation des Klassikers „Space Invaders“, fragt man sich bald: Wie konnten die Menschen vor Jahrzehnten so viel Vergnügen an einem derart simplen Spielmechanismus finden? Bei „Space Invaders“ musste man die nach unten rückenden Raumschiffe der außerirdischen Invasoren abschießen. Das Spielziel der kostenlosen Flash-Neuinterpretation ist dasselbe.

Allerdings muss man bei diesem Spiel die hinabstürzenden Raumschiffe auffangen (auf die Erde hinabstürzende Wracks sind ja auch nicht besonders angenehm) und irgendwann durch eine Lücke in der Phalanx der Ufos ins All hinausschleudern. Bis so eine Lücke am Firmament frei wird, kann man die abgestürzten Raumschiffe der Invasoren auch als Munition gegen neue Angreifer nutzen.

Diese kleinen Änderungen der Spielmechanik gestalten den Verlauf komplexer, stressiger und, wie der Titel schon sagt, unübersichtlicher.

Sasha MacKinno Sam Morrison: „Chaos Invaders“, Browser-Version kostenlos spielbar

 

„The Company of myself“ – Wie viele bin ich?

Wie „Chaos Invaders“ interpretiert auch dieses Jump’n’Run ein klassisches Genre neu: Wie in allen Hüpf-und-Renn-Titeln muss der Spieler seine Figur über Plattformen und durch verschiedene Hindernisse steuern, Türen öffnen, Abhänge und große Höhenunterschiede überwinden.

Er hat dabei Hilfe – sich selbst. Drückt man im Spielverlauf die Leertaste, steht man im aktuellen Spielabschnitt wieder am Anfang, diesmal aber begleitet von einem Schatten der eigenen Figur, der mit kleinen Freiheiten all die Bewegungen nachahmt, die man zuvor gemacht hat. Diese Schatten (man kann mehr als einen zu Hilfe rufen) lassen sich als Sprungbrett nutzen oder legen Schalter um, wenn die eigene Figur gerade anderswo zu tun hat.

Musik, Grafik und die Texte des Spiels schaffen eine ganz eigene, unwirkliche Atmosphäre. Irgendetwas stimmt mit dieser Spielwelt nicht, spürt man. Große Kunst, so einen Effekt mit den begrenzten Mitteln eines kleinen Flash-Spielchens zu erzeugen.

Eli Piilonen: „The Company of myself“, Browser-Version kostenlos spielbar

 

„Mr. Bounce“ – das Eckige gegen die Runden

Dieses ältere Flash-Spiel der „Spirits“-Macher entwickelt die Mechanik des Spielklassikers „Breakout“ weiter: Auch hier muss der Spieler mit einem stilisierten Schläger einen kleinen Flugkörper so durch die Gegend schlagen, dass er verschiedene Steine trifft. Bei „Mr. Bounce“ kann der Spieler die Flughöhe des Körpers ständig verändern, die Zeit für wenige Augenblicke langsamer laufen lassen.

Dass man die Flugbahnen seines eckigen Gehilfen für ein paar Sekunden vorab sieht, hilft bei der Aufgabe ein wenig. Gerade wenig genug, dass man nicht frustriert wegen zufällig verlorener Bälle ist und mehr Zeit für die Kalkulation komplexer Zerstörungs-Choreografien aufwenden kann. Großartige Musik und eine stimmige, reduzierte Nostalgie-Grafik heben das Spielvergnügen zudem. Kaum verständlich, dass Menschen bei solcher Konkurrenz tatsächlich noch „Minesweeper“ spielen.

Andreas Zecher, Martin Snuggles: „Mr. Bounce“, Browser-Version kostenlos spielbar, iPhone-Vollversion 1,59 Euro, Probeversion kostenlos

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