Arizona-Attentäter Jared Lee L.: „Bitte seid nicht wütend auf mich“ (Spiegel Online, 9.1.2011)

Arizona-Attentäter Jared Lee L.

„Bitte seid nicht wütend auf mich“

Er las Peter Pan und fürchtete Gehirnwäsche durch Staatsorgane: Jared Lee L., der Attentäter von Arizona, hat im Netz Fragmente seiner Weltsicht hinterlassen. Ermittler halten die Profile für echt. Vor allem ein Gefühl durchzieht die wirren Texte: die Angst vor der Regierung.

Spiegel Online, 9.1.2011

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Ja, natürlich war er immer schon etwas merkwürdig, erzählen nun Menschen, die Jared Lee L. flüchtig kannten, den Zeitungen. Jetzt, nachdem der 22-Jährige in der Großstadt Tucson in Arizona sechs Menschen erschossen und viele schwer verletzt hat – darunter auch die Abgeordnete Gabrielle Giffords -, suchen die Medien und die Einwohner weniger nach Erklärungen als vielmehr nach Auffälligkeiten in L.’s Lebensgeschichte, nach irgendetwas, das sie von Durchschnitt unterscheidet.

 

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Die bisher zusammengetragene, vom „Arizona Daily Star“ und der „New York Times“ kodifizierte Lebensgeschichte L.s klingt deshalb so: Der junge Mann hat häufiger die Schule gewechselt, 2007 hatte er Ärger mit der Polizei, weil er mit „Zubehör zum Drogenkonsum“ erwischt wurde. Ein Mitschüler erzählt den Medien, L. habe Gras geraucht und er habe sich „auch nicht besonders für Religion begeistert“. Eine Mitschülerin beschreibt L. so: Schüchtern habe er gewirkt, in der Schulband sei er sehr aktiv gewesen, aber sonst habe er sich im Unterricht selten konstruktiv beteiligt. Wenn er auffiel, dann durch Störungen. Zuletzt wurde er wohl von Kursen ausgeschlossen. Und überhaupt, so die Mitschülerin: „Es gibt Menschen, die sind einfach wütend, ich habe nie ein Lächeln auf seinem Gesicht gesehen.“

 

Lieblingsbücher: Fahrenheit 451, Mein Kampf, Peter Pan

Aber L. hat durchaus gelächelt, zumindest im März 2010, als er als freiwilliger Helfer beim Literaturfestival „Tucson Festival of Books“ von einem Reporter der Lokalzeitung fotografiert wurde. Auf dem Bild hält L. eine Tafel mit einem übergroßen Kreuzworträtsel fest, das eine Besucherin gerade zu lösen versucht. Beide lächeln dem Fotografen zu.

 

Das klingt sehr speziell, doch es geht dabei um Grundsätzliches, was neben Streitlust vielleicht die heftige Reaktion des RSS-Erfinders Dave Winer erklärt. „Profi-Techblogger von der Westküste sind größtenteils Arschlöcher“, war eine seiner öffentlichen Reaktionen auf die Prognose, in die Welt gesandt via Twitter. „TechCrunch“-Gründer Michael Arrington schoss irgendwann zurück: „Sie verwechseln mich mit jemandem, der sich einen Dreck um das kümmert, was Sie zu sagen haben.“ Rund um den Globus wurde der Streit zwischen den Netz-Prominenten mit einem gewissen Amüsement verfolgt.

Dieses Foto fügt sich in eine ganz andere Sicht auf L. ein, die sich auch aus den bekannten Bruchstücken zusammensetzen lässt. Es ist die Lebensgeschichte eines jungen Amerikaners, der gerne Basketball spielt, sich freiwillig zum Militärdienst meldet (aber nicht genommen wird), gerne liest (sein YouTube-Profil erwähnt als Lieblingsbücher unter anderem „Fahrenheit 451“, „Mein Kampf“, „Das kommunistische Manifest“ und „Peter Pan“) und bei seinen Eltern in einer Mittelschichtsgegend Tucsons lebt, wo Palmen und weiße Pick-ups vor den gepflegten weißen Einfamilienhäusern stehen.

 

Stunden vor dem Attentat: „Lebt wohl, Freunde“

Und dann gibt es da noch ein drittes Bild von dem jungen Mann, das L. selbst gezeichnet hat, es erzählt wiederum eine andere Geschichte: Auf Profilseiten bei Myspace (inzwischen gelöscht) und YouTube veröffentlichte er seine Gedanken über die Welt. Ermittler halten diese Seiten für authentisch, Behördensprecher erklärten dem „Arizona Daily Star“, man analysiere das dort veröffentlichte Material.

Auf der Myspace-Seite schrieb L. zuletzt einen Eintrag, der sich nun als Abschiedsbotschaft interpretieren lässt: „Lebt wohl, Freunde, bitte seid nicht wütend auf mich.“ So zitieren US-Medien die Profilseite, die wenige Minuten nachdem die Behörden die Identität des Schützen bestätigten, gelöscht wurde. Auf diese Seite verweist auch ein YouTube-Konto, das die Behörden L. zurechnen.

Es ist nicht möglich, aus den drei Videobotschaften L.s so etwas wie ein geschlossenes Weltbild zu rekonstruieren. Die von bedrohlicher Musik unterlegten Texte kreisen immer um dieselben Motive: Gedankenkontrolle, Gehirnwäsche, Grammatik, Analphabetismus, Bürgerrechte und die US-Verfassung.

Das alles hält weniger ein Leitgedanken als vielmehr ein diffuses Verschwörungsgefühl zusammen. Zitat aus einer Videobotschaft: „Sie müssen die Bundesgesetze nicht akzeptieren, aber sie müssen die US-Verfassung lesen, um die verräterischen Gesetze zu begreifen.“ Und weiter: „Die Regierung impliziert Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche der Bevölkerung, indem sie die Grammatik kontrolliert.“

L. fürchtet eine Verschwörung der übermächtigen US-Bundesregierung

Winer ist nicht irgendwer. Der Mann schreibt seit 1997 eines der ersten Blogs überhaupt, er hat das Medium Podcast miterfunden und den RSS-Standard entwickelt. RSS, der Ausgangspunkt des Streits, ist ein offenes Format, mit dem Internetangebote Texte oder Fotos zum sekundenaktuellen Einspeisen auf anderen Seiten bereitstellen können.

L. schreibt auch, dass er Schulden in einer Währung, die nicht an Goldreserven gebunden ist, nicht akzeptieren werde. So unklar ist, was er meint, so klar ist, dass er sich von der US-Regierung verraten und bedroht fühlt: „Ich weiß, wer zuhört: Regierungsbeamte und die Bevölkerung. Fast alle Menschen, die diese exakten Informationen über eine neue Währung nicht kennen, sind sich der Methoden der Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche nicht bewusst. Wenn ich meine Bürgerrechte hätte, würde es diese Botschaft nicht geben.“

 

Dieses Feindbild der freiheitsraubenden Bundesregierung haben schon andere Attentäter bemüht. Der Golfkriegsveteran Timothy McVeigh zum Beispiel, der 1995 in Oklahoma City mit einer Bombe 167 Menschen ermordete und 509 verletzte. McVeigh glaubte, mit seinem Anschlag die individuelle Freiheit der amerikanischen Bürger gegen die Interventionen der Zentralregierung zu verteidigen. McVeigh trug bei seiner Tat ein T-Shirt mit einem Zitat von Thomas Jefferson: „Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen getränkt werden.“

Diese Definition der Freiheit als Abwesenheit eines zentralistischen Staatsapparates ist durchaus eine Form der amerikanischen Zivilreligon von Freiheit, Nationalismus und Glauben, zurückführbar auf die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der Vereinigten Staaten. Doch für Thomas Jefferson war nur die Unabhängigkeitserklärung ein heiliges, unantastbares Dokument. Die Verfassung, welche die Grundlage für eine Zentralregierung schuf, sah er immer als Verhandlungsmasse eine fortwährenden politischen Kompromisses. In seinem Präsidentschaftswahlkampf 1800 betonte er ausschließlich die Rechte der Einzelstaaten gegenüber dem Bund. Er mochte die Zentralregierung nicht. In seiner Grabinschrift erwähnt er die zweimalige Präsidentschaft nicht. Zu seinen großen Taten zählt er die Unabhängigkeitserklärung und die Gründung der Universität von Virginia.

Jefferson glaubte an die individuelle Freiheit, die auch als eine wilde, anarchistische verstanden werden kann. 1793 schrieb er, dass es für Gewalt zur Verteidigung der Freiheit keine moralischen Grenzen gebe. Diese Idee bestimmt bis heute die amerikanische Gesellschaft – in ständiger Konkurrenz zu der der übrigen der übrigen Gründerväter, die an eine Verfassung nach Edmund Burkes Grundsätzen glaubten: Ordnung, gesellschaftliche Zusammenarbeit, Kontrolle der Regierung, Dominanz des Rechts, eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Reichtum und Armut.

L. formulierte seine Maxime selbst, statt sich eines Zitats zu bedienen: „Die Regierungsbeamten haben die Macht über ihre Währung, aber ich informiere euch über eure neue Währung.“

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