Google gegen Microsoft: Schlammschlacht der Netz-Giganten (Spiegel Online, 3.2.2011)

Google gegen Microsoft

Schlammschlacht der Netz-Giganten

„Eine billige Nachahmung“ nennt ein Google-Ingenieur Microsofts Suchmaschine Bing. Microsoft-Mitarbeiter keilen zurück und werfen Google „Klick-Betrug“ vor. Der Marktführer wolle nur vom „wahren Problem“ ablenken – den Klickfabriken, die Suchmaschinen zumüllen.

Spiegel Online, 3.2.2011

{jumi [*3]}

Diebe! Lügner! Betrüger!

Der öffentliche Schlagabtausch zwischen Mitarbeitern der Microsoft-Suchmaschine Bing und dem Marktführer Google eskaliert.

{jumi [*4]}

Begonnen hatte die Auseinandersetzung, als Google öffentlich erklärte, Bing würde mit Google-Suchergebnissen die eigenen Treffer aufbessern. Google schmuggelte Links zu sinnlosen Zeichenketten in den eigenen Index – wenig später sollen sie bei dem Rivalen aufgetaucht sein. Das kommentierte Google-Manager Amit Singhal im Firmenblog süffisant: „Anders ausgedrückt wirken einige der Bing-Ergebnisse mehr und mehr wie eine unvollständige, fade Version der Google-Treffer – eine billige Nachahmung.“

Nun reagiert Microsoft.

Der für Online-Geschäfte zuständige Manager Yusuf Mehdi nennt Googles Vorwürfe eine “ Beleidigung„. Er poltert zurück, der Suchmaschinen-Primus habe Bing „manipuliert“ und zwar per „Klick-Betrug“. Mehdi wörtlich: „Richtig gehört, dieselbe Art von Angriff, wie ihn Spammer im Web nutzen, um Verbraucher zu täuschen und irreführende Suchergebnisse zu schaffen“.

Microsoft: „Wir kopieren nicht“

Harte Worte und dann noch eine Klarstellung: „Wir kopieren nicht Sucherergebnisse von Wettbewerbern.“ Was Microsoft aber nun wirklich tut, das deutet Mehdi nur vage an: Man analysiere – anonymisiert – das Surfverhalten einiger Nutzer und beziehe das neben gut tausend anderen Faktoren in den Algorithmus zur Bewertung von Web-Seiten ein.

Die Methode wende Bing seit einigen Jahren an, man habe das auch öffentlich erklärt. Mehdi verweist auf einen Bericht der Analysten von Directions on Microsoft vom Juli 2009. Laut dem Fachblog BusinessInsider steht in dem Bericht, dass Microsoft die Suchanfragen von Nutzern mitschneidet – auch wenn diese das Konkurrenzprodukt von Google benutzen. Microsoft protokolliere, wie lange sie auf den Trefferseiten verweilten. Aufgezeichnet und übertragen werden sollen diese Informationen über die Browser-Erweiterungen MSN Toolbar und Windows Live Toolbar.

Mal abgesehen von der Frage, ob das nun redlich gegenüber Google ist: Viele Nutzer der Microsoft-Toolbars und Datenschützer dürfte interessieren, was genau da protokolliert wurde und vor allem, in welcher Form eine Anonymisierung stattgefunden hat.

Online-Riesen streiten über Suchmaschinen-Spam

Bei einer Diskussionsveranstaltung zur Qualität von Suchmaschinen trafen am Mittwoch Mitarbeiter von Google und Microsoft aufeinander. Eigentlich sollte es um ein Problem gehen, das seit Monaten immer mehr Webnutzern auffällt: Kaum brauchbare Seiten tauchen bei manchen Anfragen auf den ersten Plätzen auf – der Suchmaschinen-Spam fällt unangenehm auf.

Microsoft-Manager Harry Shum warf bei der Veranstaltung Google vor, von solchen allein auf Suchmaschinen getrimmten Klickfabriken zu profitieren. Der Journalist Matt Rosoff, der bei der Diskussion anwesend war, zitiert Shums Vorwurf gegen Google so: „Ich würde sagen, ihr drückt euch um das eigentliche Problem herum, den Ursprung des Suchmaschinen-Spams.“ Shum führt aus, es müsse einen wirtschaftlichen Anreiz für diese Art von Inhalten geben. Seine Antwort: „70 Prozent dieser Seiten zeigen Google-Anzeigen.“

Ein sehr amüsantes Beispiel für diese Art von Inhalten liefert die Suchanfrage „How to play the xylophone“, die ein Redakteur des US-Senders CNBC mit lauteren Absichten bei Google eintippte – er wollte herausfinden, wie seine kleine Tochter das Musizieren lernt. Die ersten Treffer bei Google führen zu Xylophon-Anleitungen auf den Seiten von Mahalo und eHow, zwei Anbieter, die sich auf suchmaschinenoptimierte Gebrauchstexte spezialisiert haben.

So klingt Suchmaschinen-Prosa: „Finden Sie Melodien, die sie mögen“

Die „Anleitungen“ lesen sich zum Beispiel so: „Regelmäßiges Üben ist eine Grundvoraussetzung dafür, die eigenen Fertigkeiten zu verbessern. Das Xylophon ist da keine Ausnahme. Finden Sie Melodien, die sie mögen und lernen und üben Sie sie, so oft sie müssen, bis Sie sie beherrschen.“

Tja. Üben hilft!

Auch gut dieser Hinweis aus einer Mahalo-Anleitung: „Das Xylophon ist ein Teil der Familie der Schlaginstrumente, es wird gespielt, indem man hölzerne Flächen mit verschiedenen Längen mit einem Schlägel aus Gummi oder Holz anschlägt.“

Das alles hilft einem überhaupt nicht bei der Frage, wie man nun spielt, es ist eine geschwätzige Aufzählung von Gemeinplätzen. Die Cello-Anleitung klingt genauso: „Die Qualität des Unterrichts, die Qualität des Instruments und regelmäßiges Üben werden ihnen helfen, mit gesundem Tempo dazuzulernen.“

So ist das wohl.

Und, da hat Microsoft-Manager Harry Shum Recht: Bei Mahalo finden sich neben, zwischen und unter der Xylophon-„Anleitung“ sieben Google-Anzeigenplätze, bei eHow sind es drei.

Google-Kritiker schimpft über ein „Paradies für Spammer und Vermarkter“

Diese Textgattung – erstellt in US-Schreibfabriken wie Demand Media oder Associated Content – drängt bei manchen Suchanfragen unter die ersten Treffer. Anfang Januar beklagte der Informatiker Vivek Wadhwa in einem Aufsatz, dass dieses Grundrauschen Google-Suchergebnisse für die Arbeit in einem seiner Kurse unbrauchbar gemacht habe. Man könne bestimmte Themen nicht mehr recherchieren, weil Google zu einem „Dschungel“ geworden sei, einem „tropischen Paradies für Spammer und Vermarkter“.

Google hatte Ende Januar Änderungen am Such-Algorithmus angekündigt, um den Anteil von Spam im Index “ noch weiter zu senken„, wie es Google-Ingenieur Matt Cutts ausdrückte. Nach dem Schlagabtausch mit den Bing-Vertretern bei der Anti-Spam-Konferenz am Mittwoch, man erwäge radikalere Maßnahmen. Zum Beispiel könnten Nutzer vielleicht einmal bestimmte Angebote aus den Suchergebnissen auf eine schwarze Liste verbannen.

 

Blekko, ein kleiner Wettbewerber von Google und Bing, hat schon angekündigt, die Pseudo-Ratgeber von Schreibfabriken komplett aus seinem Such-Index zu werfen.

Das könnte ein guter Hinweis für die Streithähne bei Bing und Google sein: Letztlich ist es Menschen, die eine gute Anleitung fürs Xylophonspiel suchen, egal, wer nun wessen Suchergebnisse in seine Auswertung einbezieht. Sie wollen nur unter den ersten fünf Treffern die fünf besten oder zumindest nützlichsten Quellen zum Thema finden.

{jumi [*5]}