Skurrile Nachrichten-Videos: Die YouTube-Animateure des Herrn Lai (Spiegel Online, 18.2.2011)

Skurrile Nachrichten-Videos

Die YouTube-Animateure des Herrn Lai

Sex, Gewalt und Kritik am Regime: Die Boulevardzeitungen des Hongkonger Medientycoons Jimmy Lai sind in China verboten. Seit dem Tiananmen-Massaker agitiert er für Reformen in seinem Geburtsland. Im Westen wird Lai erst jetzt bekannt – dank absurder Nachrichten-Videos seiner Animationsfirma.

Spiegel Online, 18.2.2011

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Und das soll Julian Assange sein? Da fläzt sich eine ungelenk herumschlaksende Computerfigur in einem sparsam animierten Sessel und schüttet Ovomaltine-Pulver in sich hinein. Dass es sich um Ovomaltine handelt, weiß der Zuschauer nur, weil es übergroß auf der Packung steht. Und dass die Animation Assange zeigt, muss einem die Nachrichtensprecherin auch erst sagen. Tausende solcher Nachrichten-Videos hat die taiwanesische Firma Next Media Animation bei YouTube eingestellt.

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Immer wieder wird einer dieser Clips zum Hit, macht die Runde bei Twitter, Facebook und findet so ein Millionenpublikum. Die aberwitzige Animation zum Beispiel, in der Apple-Boss Steve Jobs im Darth-Vader-Panzer einem unzufriedenen iPhone-Kunden mit dem Lichtschwert zwei Finger abtrennt, weil das die Empfangsprobleme des Apple-Handys beseitigt.

Woher diese Filme kommen? Warum jemand Grafiker dafür bezahlt, dass sie in Rekordzeit mal kuriose, mal absurde Animationen zu Nachrichten entwerfen? Die kurze Antwort: Um Bilder von Ereignissen zu zeigen, von denen es keine Bilder gibt.

Die lange Antwort ist interessanter und beginnt 1960 am Bahnhof der Stadt Guangzhou, wenige Stunden Zugfahrt nordöstlich von Hongkong.

Wegen Schokolade nach Hongkong

Da trägt der zwölfjährige Jimmy Lai seit drei Jahren die Taschen von Reisenden, um etwas Geld dazuzuverdienen. Seine einst wohlhabende Familie hat durch die Revolution ihr Vermögen verloren. Lai erzählte dem “ Wall Street Journal„, dass ein Stück Schokolade an diesem Tag 1960 sein Leben geändert hat. Ein Zugereister aus Hongkong gab es ihm. Lai hatte so etwas noch nie gegessen. Der gut gekleidete Mann drängte ihn, nach Hongkong zu fliehen. Lai folgte dem Rat, schlug sich nach Macau durch, setzte dann in einem Fischerboot nach Hongkong über und begann als Hilfsarbeiter in einer Bekleidungsfabrik und ackerte sich hoch.

Heute, 51 Jahre später, ist Lai laut “ Forbes“ einer der 50 reichsten Bewohner von Hongkong. Auf 600 Millionen Dollar schätzte das US-Magazin 2009 Lais Vermögen. Wie Lai dazu gekommen ist, lässt sich mit demselben Wort zusammenfassen wie die Webvideos seiner Animationsfirma: recht ungewöhnlich. Zunächst baute Lai in den achtziger Jahren einen Modekonzern auf: Giordano nannte er die Firma. Giordano wie die Pizzeria, die er bei einem Besuch in New York entdeckt hatte. 1989, als Panzer in Peking Demonstranten überrollten, begann Lais zweite Karriere, die als Menschenrechts-Aktivist und Medientycoon.

Vom Modetycoon zum Boulevard-Aktivisten

Lai konnte die kommunistische Propaganda schon als Zwölfjähriger nicht ertragen, nachdem ihm klar wurde, wie viel mehr das Leben außerhalb der Volksrepublik zu bieten hat als der Staat behauptet. Lai ging 1989 in Hongkong mit den Demonstranten auf die Straße, ließ Protestplakate in Giordano-Läden aufhängen und gründete das Wochenmagazin „Next“, um – so erinnert er sich im “ Wall Street Journal“ – an der Öffnung Chinas teilzuhaben: „Indem wir Informationen liefern, liefern wir eine Wahlmöglichkeit und diese Möglichkeit ist Freiheit.“

Dieses Engagement und Beleidigungen kommunistischer Funktionäre, die Lai öffentlich äußerte, waren schlecht fürs Bekleidungsgeschäft. Lai musste seine Anteile an Giordano verkaufen, sonst hätte das Unternehmen alle Produktionsstätten und Ladengeschäfte auf dem Festland schließen müssen.

Lai verkauft seinen Anteil und steckt einen Teil des Gewinns in die Entwicklung einer neuen Boulevardzeitung für Hongkong: “ Apple Daily„.

Klatsch, Sex, Enthüllungsgeschichten

Die Mischung ist ungewöhnlich, aber erfolgreich: Aufklärung und Entertainment. Paparazzi-Fotos, etwas Sex, investigative Artikel über das organisierte Verbrechen, Gewalt, Klatsch und immer eine klare Haltung für Demokratie, Bürgerrechte, gegen Repression autoritärer Regime und Korruption. „Apple Daily“ enthüllte, dass sich Funktionäre Luxuswagen kauften, bevor sie einen Monat später eine Luxuswagensteuer einführten.

Man sollte Lais Medien nicht idealisieren: Das ist auch knallharter Boulevard, aber eben nur auch. Die Veröffentlichung der Paparazzi-Fotos einer Sängerin, die sich gerade umzieht, provozierte vor einigen Jahren solchen Unmut (Jackie Chan führte die Demonstranten in Hongkong an), dass Lai sich entschuldigte. Er – der 1997 getaufte Katholik – hatte zuvor ein Gespräch mit dem Kardinal von Hongkong.

Die Blatt ist populär: „Apple Daily“ ist laut der “ Financial Times“ die zweitgrößte Zeitung in Hongkong und seit der Expansion 2003 auch in Taiwan, wo „Apple Daily“ die bis dahin entlang der Parteilinien organisierte Presselandschaft aufwirbelte.

Keine Aufnahmen? Selbst animieren!

Die Idee, Nachrichten-Videos am Computer einfach selbst zu drehen, ist so ungewöhnlich wie die Mischung von „Apple Daily“: Boulevardzeitungen gab es auch vorher schon und Gerichtszeichner haben lange vor den Grafikern von Next Media Animation (NMA) eine Wirklichkeit gezeichnet, die nicht fotografiert werden konnte.

Lai hat die Idee etwas größer umgesetzt: 300 Mitarbeiter hat das Animationsteam laut NMA-Manager Mark Simon, 100.000 Fotos und digitalisierte 3-D-Objekte liegen in der Datenbank, um sie in Animationen wiederzuverwenden. Reporter rufen an und erzählen die Details zu den Unfällen, Prozessen, Schießereien und all den anderen Grausamkeiten, zu denen es kein Bild- und Videomaterial gibt.

Darsteller spielen die Szenen nach, ihre Bewegungen digitalisieren Computer per Motion-Capture-Verfahren, die Grafiker reichern die Daten mit Texturen an. Binnen drei Stunden kann so ein Video entstehen – vom Anruf des Reporter bis zum fertigen Clip für die Web-Seite. Einzelbilder druckt „Apple Daily“ dann auch in der Zeitung als Illustration, auch auf der Titelseite.

Animationen wie in „Grand Theft Auto III“

Das sieht alles immer ein wenig aus wie ältere Spiele, „Grand Theft Auto III“ zum Beispiel. Die nachgestellten Szenen sehen unbeholfen aus, die Figuren bewegen sich wie an Fäden, eine nennenswerte Mimik haben sie nicht, alles an dieser Inszenierung ist unzulänglich, ja komisch in dem Widerspruch zwischen den gezeigten Dramen des Alltags und den arg begrenzten Mitteln. Und doch kommt gerade dieser – nur optisch – verniedlichte Boulevard beim Publikum an: Binnen des ersten Jahres nach dem Start der animierten Nachrichten auf den „Apple Daily“-Webseiten haben die Videoaufrufe um 40 Prozent zugenommen.

Als das US-Publikum die Tiger-Woods-Animationen (der Autounfall, der Ehekrach, die Affären) krude animiert und mit hektischen Mandarin-Kommentar unterlegt auf YouTube entdeckte, begann der weltweite Erfolg der NMA-Produktionen. Zu den Sex&Crime-Animationen kam immer mehr Satire. Ungewöhnlich macht die NMA-Produktionen die Respekt- und Geschmacklosigkeit: Die besten Witze entstehen in diesem Umfeld, zum Beispiel der über den US-Talkshowmoderator Conan O’Brien. Der hatte sich Ende 2010 in seiner Show über die merkwürdigen Animationsfilme aus Taiwan lustig machte (mit einer Ruckel-Animation im NMA-Stil).

Zwei Tage später war NMAs Reaktion online: In dem Clip zeigen die Animateure aus Taiwan ihre Version der Geschichte – O’Brian lässt für seinen „billigen Abklatsch“ der NMA-Animation Kinderarbeiter schuften, er hat sie von der Neverland Ranch Michael Jacksons einfliegen lassen. Und, ach ja, da sei O’Brian früher regelmäßig zu Besuch gewesen.

Unkonventionell, respektlos, autoritätsfeindlich, unverschämt – so lässt sich Lais Medienangebot beschreiben. Das sind wohl nicht die schlechtesten Eigenschaften, um mit einem Print-Medienhaus im Netz etwas ganz Neues zu versuchen.