Digitale Bibliotheken: Der Staat spart, Google digitalisiert (Spiegel Online, 26.03.2011)

Digitale Bibliotheken

Der Staat spart, Google digitalisiert

Google hat bisher 15 Millionen Bücher digitalisiert, EU-Mitglieder gerade mal 1,2 Millionen. Denn Staaten wie Deutschland zahlen wenig für die Digitalisierung. Google füllt die Lücke, hilft Bibliotheken, die nicht einmal genug Geld für die Rettung der Papierarchive vor Säurefraß haben.

Spiegel Online, 26.3.2011

{jumi [*3]}

Nun müssen sie wieder verhandeln, die Anwälte von Google, die Verbände der Verlage und Autoren. Ein US-Richter kassierte die Vereinbarung, die der Konzern zuvor mit Verlagen getroffen hatte. Bei dem jahrelangen Rechtsstreit um Googles Buch-Digitalisierung haben alle Beteiligten ein wenig aus den Augen verloren, worum es eigentlich geht. Gestritten wird über Google und die Rechte von Verlagen und Autoren. So richtig das alles ist: Urheberrecht dient ja vor allem einem Ziel: Es soll attraktiv sein, möglichst viel zu veröffentlichen und möglichst viel Wissen für alle zugänglich zu machen.

Die Realität in Universitätsbibliotheken sieht heute so aus: Mehrere Studenten aus einem Seminar brauchen ein Buch, zwei Exemplare sind entliehen, das in der Präsenzbibliothek hat jemand geklaut. Es ist im Jahr 2011 absurd, dass Menschen, die Bücher nutzen wollen, überhaupt in eine Bibliothek fahren müssen. Warum kommen die Bücher nicht übers Netz zu ihnen? Das Internet ist das ideale Werkzeug, um einer der wesentlichen Aufgaben von Bibliotheken zu Erfüllen: Sie sollen Wissen ja nicht nur archivieren und ordnen, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Eine immer und überall verfügbare Web-Seite ist zugänglicher als eine Bibliothek mit eingeschränkten Öffnungszeiten und einem begrenzten Bestand weniger physischer Kopien der Werke – an dieser Tatsache gibt es wenig herumzudeuten.

Der Staat hat bei der Digitalisierung bisher versagt. Google hat binnen sechs Jahren bis zum Oktober 2010 15 Millionen Bücher digitalisiert. Bis 2020 dürfte das Unternehmen alle weltweit verfügbaren 130 Millionen Bücher (so die Google-Schätzung) digitalisiert haben, sagte im August 2010 ein Google-Ingenieur.

Bund zahlt jährlich 2,6 Millionen Euro für die Digitale Bibliothek

Das EU-Bibliotheksportal Europeana, das mal so etwas ähnliches leisten soll, verkündete im November 2010, zwei Jahre nach der Gründung, man habe unter anderem „1,2 Millionen vollständige Bücher“ digitalisiert, die „online zur Ansicht oder zum Download bereitstehen“. Google war da deutlich schneller als alle EU-Staaten.

Es geht so langsam voran, weil den EU-Mitgliedstaaten die Digitalisierung wenig wert ist. Die „Deutsche Digitale Bibliothek“, die den deutschen Beitrag zu Europeana liefert, finanziert die Bundesregierung mit 2,6 Millionen Euro im Jahr, für den Aufbau in diesem Jahr sind es acht Millionen Euro. Wie viele Bücher kann man mit diesen Mitteln digitalisieren? Der Deutsche Bibliotheksverband hat in einem Thesenpapiervorgerechnet, dass man für zehn Millionen Euro etwa 200.000 Titel scannen kann. Rechnet man ganz grob um, finanziert der Bundeszuschuss gerade mal die Digitalisierung von 50.000 Titeln im Jahr.

Nur zum Vergleich: Wenn diese Rechnung des Bibliotheksverbandes stimmt, hätte man von den fünf Milliarden Euro, die die Abwrackprämie gekostet hat, hundert Millionen Bücher digitalisieren können.

Google übernimmt Aufgaben, die der Staat nicht erfüllt

Wenn also die Bundeskanzlerin sagt, die Regierung lehne es ab, „dass ohne jeden urheberrechtlichen Schutz die Bücher einfach eingescannt werden, wie dies von Google gemacht wird“, dann ist das eine starke Meinungsäußerung. Es fehlt nur ein ganz wesentlicher Aspekt: Google füllt eine Lücke, die der Staat lässt. Deutschland finanziert die Digitalisierung und das Zugänglichmachen des Wissens schlicht nicht ausreichend. Wohl deshalb arbeiten öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel die Bayerische Staatsbibliothek mit Google bei der Digitalisierung zusammen. Die Firma bezahlt die Erfassung der Werke, die Daten können die Bibliotheken und das Unternehmen nutzen. Eine halbe Million Bände hat die BSB mit Googles Hilfe digitalisiert.

Diese Kooperationsprojekte sind von dem US-Rechtsstreit nicht betroffen, da Google in Deutschland nicht so forsch digitalisiert wie in den Vereinigten Staaten, es werden nur Titel nach Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist digitalisiert.

Entsprechend differenziert sehen einige Bibliothekare den Streit um Googles Rolle bei der Digitalisierung. Klaus Tochtermann, Direktor der Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, zum Beispiel führt eine Einrichtung mit 4,5 Millionen Bänden und 32.000 laufend gehaltene Zeitschriften. Er sagt einerseits, die Kooperationen von Bibliotheken mit Google seien „natürlich zu begrüßen“. Denn, so Tochtermann: „Bibliotheken sind per bisheriger Definition keine Digitalisierungsspezialisten, und so spricht nichts dagegen, sich der Kompetenz Googles oder anderer Dienstleister auf diesem Gebiet zu bedienen.“

Die Digitalisierung sei ein „kostspieliges Unterfangen, das sich viele staatliche Stellen nicht leisten können“. Anderseits kritisiert Tochtermann Googles Vorgehen bei der Digitalisierung in den Vereinigten Staaten: „Anstatt sich zunächst die Erlaubnis der Rechteinhaber zu sichern, wurden die Arbeiten wissentlich inmitten der rechtlichen Grauzone aufgenommen.“

20 Millionen kostet das Entsäuern von 1,4 Millionen Büchern

Im Streit um die Buch-Digitalisierung fehlt diese Differenzierung: Weil Google in den Vereinigten Staaten forsch digitalisiert, ist Digitalisierung nichts Schlechtes. Im Gegenteil, ohne Google könnten einige Bibliotheken angesichts der Finanzlage wohl nicht einmal ansatzweise ihre Aufgabe erfüllen. Es fehlen ja sogar Mittel für die Erhaltung der Papierbestände.

So hatten zum Beispiel in Hamburg 2006 die Bibliotheken insgesamt 3,9 Millionen Bände als geschädigt durch Säurefraß gemeldet. Ein chemisches Verfahren kann diesen Zerfall aufhalten, 20 Millionen Euro sollte die Entsäuerung in etwa kosten. Die Rettungsaktion kommt langsam voran: 579.000 der besonders wichtigen, bereits geschädigten Bücher gehören der Staats- und Universitätsbibliothek. 2010 waren davon gerade mal 85.000 entsäuert.

Es ist nicht weiter überraschend, dass ein Staat, dem die Bestandserhaltung wenig wert ist, bei der Digitalisierung versagt.

{jumi [*5]}