Kommentare zur Japan-Katastrophe: Im Netz der Ignoranten (Spiegel Online, 18.3.2011)

Kommentare zur Japan-Katastrophe

Im Netz der Ignoranten

Rache für Pearl Harbour, kein Mitleid für die Walfänger – so kommentieren Ignoranten im Netz die Katastrophe in Japan. Keine Spur von Empathie, Toleranz. Und das, obwohl im Netz aus Informationssuche so leicht Anteilnahme wird.

Spiegel Online, 18.3.2011

{jumi [*3]}

Es ist aus der Mode gekommen, das Internet ein globales Dorf zu nennen. Doch manchmal ist es genau das. Ein Dorf. Und zwar nicht der utopische Ort einer Gemeinschaft aller Netzbürger, sondern ein Dorf, wie wir es uns heute im Mittelalter vorstellen: Ein Ort, an dem dieselben Menschen von Geburt an leben, denselben eingeschränkten Horizont teilen, Durchreisende misstrauisch beäugen – und ab und an einmal jemanden an den Pranger stellen oder mit Steinwürfen davonjagen.

 

Dass ein Teil der Menschen im Netz in diesem besonderen, ziemlich rückständigen digitalen Dorf zu Hause ist, zeigen Reaktion auf die Katastrophe in Japan. Unerträglich egozentrische, ignorante Kommentare wie der einer Politologie-Studentin der University of California in Los Angeles (UCLA), die am Tag des Tsunamis ihre Ansichten zum Geschehen bei YouTube einstellte. Es sei ja in Ordnung, dass die UCLA jedes Jahr diese „Horden“ asiatischer Studenten aufnehme, aber die sollten sich doch bitte „an amerikanische Sitten“ halten.

Erst lamentiert die Studentin, dass am Wochenende die Familien der asiatischen Mitstudenten zu Besuch kommen und kochen und dann kommt sie auf den Tsunami zu sprechen. Sie wolle in der Bibliothek lernen, bald sei doch Klausurzeit, und da würden nun die Asiaten ihr ganzes Handytelefonbuch durchtelefonieren: „Ich schwöre, die rufen alle Familienmitglieder an, nur um mal mit jedem nach diesem Tsunami-Ding da zu sprechen.“ Und dann höre man in der Bibliothek nur noch: „Ooooh Ching Chong Ling Long Ting Tong, Ooohhhhh.“ Und das während der Klausurzeit!

Wie kann jemand ignoranten Schwachsinn als mehrheitsfähig erachten?

Es fällt schwer, dieses Video nicht für eine sehr dumme Satire zu halten. Doch es ist echt – inzwischen hat sich die Universität entschuldigt, die Studentin hat auch eine Erklärung veröffentlicht: „Ich kann nicht erklären, was mich dazu getrieben hat, das Thema so anzugehen wie ich es getan habe.“

Das ist die Frage: Wie kann es sein, dass Menschen im offenen Netz so selbstbezogen reagieren? Wie kann jemand so ignorant auftreten, der das Netz nutzt, das einem das Gefühl gibt, so unmittelbar wie nie zuvor am Geschehen in Japan, in Libyen, in Ägypten, in Bahrain teilzuhaben?

Die Studentin muss die Statusmeldungen der Welt da draußen völlig ausgeblendet haben – die Bilder weggespülter Städte, die brennende, wabernde Masse aus Schutt, die sich über das Land schiebt. All das verschwand offenbar hinter dem Eindruck der Klausuren und der Küche im Studentenwohnheim. Und die Studentin muss angenommen haben, dass ihre Meinung nicht außerhalb des mehrheitsfähigen Konsenses liegt. Dass das eine Fehleinschätzung war, zeigt die Flut an Hass-Kommentaren, Videoparodien und Morddrohungen, die seit einer Woche im Netz als Reaktion auf den YouTube-Clip kursieren.

Auffällig ist, wie viele Menschen im Netz diese Fehleinschätzung teilen. Seit einigen Tagen dokumentiert die Website “ Ignorant and Online“ die Tiefpunkte dieser egozentrischen Weltsicht.

„Rache für Pearl Harbour“

Auf Facebook finden sich viele öffentliche Kommentare, aus Deutschland ebenso wie aus den Vereinigten Staaten, die der Empathielosigkeit und Engstirnigkeit der kalifornischen Politologie-Studentin in nichts nachstehen, aber zumindest einen Kontext liefern, der verstehen hilft, wie so etwas möglich sein kann.

Da kommentiert zum Beispiel ein Keith aus Illinois: „Genug von diesem Japan-Schwachsinn. Was haben Japan oder Haiti oder irgendeiner dieser Staaten nach dem 11.9. für uns getan.“ Kein Fragezeichen – der Mann geht davon aus, dass seine Facebook-Freunde die Antwort kennen. Die Reaktionen bestätigen das: „so wahr!!!!“, „Rache für Pearl Harbour“, „America first.“ Das Stichwort „Pearl Harbour“ fiel oft in den vergangenen Tagen – es scheint tatsächlich eine Minderheit von US-Amerikanern zu geben, die den Tsunami als gerechte Strafe für japanische Kriegshandlungen betrachtet, die über 60 Jahre zurückliegen.

Gleich und gleich gesellt sich gern – da wirken bei Facebook-Verbindungen ähnliche Mechanismen wie im Umgang außerhalb dieser Netzwerke. Forscher der University of Indiana zum Beispiel haben bei der Analyse von 129 Millionen Twitter-Nachrichten von gut vier Millionen Nutzern festgestellt, dass Menschen, die über Glücksmomente oder Trauriges twittern, eher Nachrichten von Menschen mit derselben Gefühlslage aufgreifen. Grundwut auf die Welt außerhalb der eigenen Landesgrenzen könnte ähnlich wirken. Und wer so wütet und noch Zustimmung erntet, der wird sich darin bestätigt fühlen, im Recht zu sein.

„Ich diskutiere nicht, ich sage meine Meinung“

Facebooks Filter-Mechanismen dürften dafür sorgen, dass Keith nicht allzu oft mit den Kommentaren Andersdenkender konfrontiert ist. Seine Reaktion auf den Einwand eines Facebook-Bekannten („Wir haben zwei Atombomben über Japan abgeworfen – ich hoffe, du erkennt, dass dieses Rache-Ding Quatsch ist“) zeigt, wie gut er ausblenden kann: „Ich diskutiere nicht, ich sage meine Meinung. Das ist mein gutes Recht als Amerikaner.“

Wie Keith aus Illinois ordnet auch ein Christian aus Deutschland den Tsunami am Montag in seinen ganz eigenen Kontext ein: Um acht Uhr abends stellt er ein Handyvideo seines Aquariums ins Netz („Unsere kleine Unterwasser-Farm“), etwas später kommentiert er vom iPhone: „Wie hieß noch gleich das Land, dass die Umwelt mit Füßen tritt und Wale zu Forschungszwecken tötet?“. Und eine gute Stunde später argumentiert er wie Keiths Freunde aus dem Norden der USA: „Bei all den „Solidarität für Japan“-Posts sollten wir Eines nicht vergessen: Japan hat in Pearl Habor für 2403 unschuldige Tote gesorgt.“ Am nächsten Tag geht es friedlich weiter: „Desperate Housewives ist mal wieder super spannend.“

So groß die Sprünge vom Aquarium zum Walfang zum Zweiten Weltkrieg zum Fernsehprogramm auch sind, eines haben die Kommentare gemeinsam: Da lässt jemand unmittelbar, ungefiltert und unreflektiert heraus, was ihm durch den Kopf geht. Wie Keith schrieb: „Ich diskutiere nicht, ich sage meine Meinung.“

Meinungsäußerung ist kein Diskurs

Dieser Logik folgen auch viele Reaktionen auf das „Asians-in-the-library“-Video der UCLA-Studentin. Menschen, die den inzwischen gelöschten Clip zu Dokumentationszwecken wiedereingestellt haben, erhalten Morddrohungen.

Zwei polnische Forscher kamen 2010 nach einer Untersuchung der Online-Diskussionsforen der polnischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ zu diesem Ergebnis: „Die untersuchten Debatten (Meinungsäußerungen in einem quasi-autonomen Medium) führen überhaupt nicht zu einer Konsensbildung. Wenn überhaupt, führt der Austausch zu einer wachsenden Kluft zwischen den Teilnehmern.“

Dieses Phänomen bringt Keith aus Illinois in diesem erstaunlich klarsichtigen Satz auf den Punkt, deshalb noch einmal die Übersetzung: „Ich diskutiere nicht, ich sage meine Meinung.“

So läuft das im globalen Dorf, das irgendwo da draußen in der Provinz jenseits der digitalen Großstädte liegt.

 

 

{jumi [*5]}