Zwist der Microsoft-Gründer Paul Allen und Bill Gates: Böser Bill (Spiegel Online, 31.3.2011)

Zwist der Microsoft-Gründer Paul Allen und Bill Gates

Böser Bill

Bill Gates und Paul Allen gründeten gemeinsam den Welterfolg Microsoft. Der eine gilt als Schöpfer und Genie, der andere nur als Trittbrettfahrer. In seinen Memoiren wertet Allen jetzt seine Rolle als kreativer Kopf auf – und erzählt hässliche Geschichten über den alten Freund.

Spiegel Online, 31.3.2011

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Wer vor verschlossener Tür Gesprächen anderer lauscht, bei denen er selbst Thema ist, erlebt mitunter böse Überraschungen. Nicht anders erging es Paul Allen. Im Dezember 1982 stand der Microsoft-Mitbegründer vorm Büro seines Kollegen Bill Gates, der sich gerade mit Steve Ballmer unterhielt, dem Manager und Minderheitsgesellschafter des Unternehmens.

Bei Allen war im Sommer Krebs diagnostiziert worden, er erholte sich gerade von der Strahlentherapie. Nun wurde er Zeuge, wie Gates und Ballmer über seine mangelnde Produktivität, sein laues Engagement klagten und berieten, wie man den Wert seiner Firmenanteile drücken könnte.

„Ich konnte das nicht länger ertragen“, schreibt sich Allen in seinen Memoiren, „ich platzte in den Raum und schrie: ‚Das ist unfassbar! Es zeigt deinen wahren Charakter, ein für alle mal.‘ Ich sprach beide an, blickte aber zu Bill.“

Allens Darstellung des Gesprächs, die Entlarvung seiner beiden Kollegen als gewinnfixierte Unsympathen, ist eine der derzeit am häufigsten zitierten Passagen seiner Autobiografie, die am 19. April unter dem Titel „Idea Man“ in den USA erscheint. Das US-Magazin “ Vanity Fair“ hat einen Vorabdruck veröffentlicht, mehrere US-Zeitungen zitieren aus Vorabexemplaren.

Paul & Bill: Schulfreunde, Programmierer, Unternehmensgründer

Bill Gates und Paul Allen gründeten 1972 ihre erste Firma, Gates war damals 17 Jahre alt, Allen 19. Traf-o-Data hieß das Unternehmen. Sein einziges Produkt: Software zum Auswerten von Verkehrsdaten. Gates und Allen lernten sich in der Lakeside School kennen, einer Elite-Schule in Seattle. Hier haben die Teenager zusammen ein Tic-Tac-Toe-Spiel für den Schulcomputer programmiert, nach Traf-o-Data arbeitete Allen als Programmierer in Boston, Bill Gates studierte in der Nähe in Harvard, sie programmierten zusammen Software für Rechner mit den ersten Intel-Chips und so kam es, dass beide 1975 Microsoft gründeten.

Paul Allen zog sich 1983 aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurück. Jahrelang hieß es, seine Krebserkrankung sei damals der Grund gewesen. Dieses Bild rückt Allen in seinen Erinnerungen zurecht.

Gates: „Ich schätze Paul als Freund“

Gates und Ballmer entschuldigten sich später für die Szene in Gates‘ Büro, schreibt Allen. Doch sein Entschluss, das Tagesgeschäft bei Microsoft zu verlassen, stand damit fest.

Von der “ Financial Times“ zu diesen Vorwürfen befragt, erklärte Bill Gates nun: „Obwohl meine Erinnerung an viele der von Paul beschriebenen Ereignisse sich von seinen unterscheiden, schätze ich ihn als Freund und seine wichtigen Beiträge zur Entwicklung der Technik und der von Microsoft.“ Ein Microsoft-Sprecher teilte dem „Wall Street Journal“ auf Anfrage mit, Steve Ballmer äußere sich dazu nicht.

Die Motivation für die bitteren Zeilen Allens zu diesem Zeitpunkt ist von außen schwer nachzuvollziehen. Der Vorabdruck liest sich, als wolle der 58-Jährige nun endlich seine Version der Geschichte erzählen, die öffentlich bisher anders wahrgenommen wurde. Deutlich wird, wie sehr ihn der angebliche Verrat durch seinen Freund Bill Gates getroffen hat.

Allen betont mehrfach, dass er von Anfang an mit den Softwareentwicklern gearbeitet, sie angeleitet, Ideen entwickelt und Geschäftsstrategien vorgeschlagen hat, die dann erst viel später, nach seinem Ausscheiden aus dem Tagesgeschäft, umgesetzt und gefeiert wurden.

Jahre lang galt Gates als das Genie und Allen als Zufalls-Milliardär

Obwohl man den Eindruck gewinnen könnte, es gehe Allen darum, Bill Gates‘ Schattenseiten zu beschreiben, ist sein eigentliches Anliegen wohl eher ein anderes: Der 58-Jährige, dessen Vermögen sich laut „Forbes“ derzeit auf 13,5 Milliarden US-Dollar beläuft, will der Öffentlichkeit seine eigenen Qualitäten präsentieren. Allen stand jahrelang im Schatten des Genies Gates. Nach seinem Ausstieg bei Microsoft verkaufte Allen Zug um Zug Microsoft-Aktien. Als Investor arbeitete er in den Neunzigern an seinen Traum der „vernetzten Welt“.

Unter diesem Leitmotiv („Wired World“) kaufte Allen sich damals ein Firmenimperium zusammen. Allens Vision: Computer, Heimunterhaltung, TV und das Internet zu einer Einheit verschmelzen.

Allen kaufte Satelliten-Fernseh-Anbieter, Kabelnetzfirmen und das Start-Up Metricom, das große US-Städte mit einem Drahtlos-Netzwerk überziehen wollte. Das Problem bei all diesen Investitionen: Die vernetzte Welt wurde nicht so schnell Wirklichkeit, wie Allen sich das erträumte. Allen war seiner Zeit einfach zu weit voraus. Sein Schulfreund Bill Gates kommentierte Allens Investitionen 2004 in „Business Week“ so: „Er war brillant, naiv und zu früh dabei.“ Zwölf Milliarden Dollar sollen Allen seine Investitionen in die vernetzte Welt gekostet haben, vor allem für Kabelfirmen hat er zu viel bezahlt.

Angesichts dieser Misserfolge verhöhnte das US-Magazin „Wired“ Allen als „Milliardär aus Zufall“, aus dem Artikel ist sogar eine Biografie mit demselben Titel geworden

Die Schmähungen sind ungerecht, Allens Anteil am frühen Erfolg Microsofts ist mit Sicherheit dem von Gates gleichzusetzen. Vielleicht will Allen das in seinen Erinnerungen klarstellen. Nicht umsonst heißt das Buch „Idea Man“ – viele Kapitel handeln von Allens großen Ideen (und seinen Investitionen in diesen Geschäftsfelder): kommerzielle Raumfahrt, Hirnforschung.

„Bills Eigennutz überlagerte alle andere Erwägungen“

In „Idea Man“ erinnert Allen sich daran, wie er bei der Gründung von Microsoft mit Gates über die Aufteilung der Firmenanteile verhandelte. Eigentlich ging er von einem 50-50-Deal aus, doch Gates argumentierte, er habe sein Studium für die Firma abgebrochen, er habe an Microsofts erstem Erfolgsprodukt Basic mehr gearbeitet und verdiene einen höheren Anteil. Allen hielt nach einiger Überlegung einen Anteil von 60 Prozent für Gates für angemessen.

Diesen Streit beschreibt Allen so: „Bill könnte argumentiert haben, dass die Anteile unsere Leistung für die Firma repräsentieren, aber sie zeigten auch die Unterschiede zwischen dem Sohn eines Bibliothekars und dem eines Anwalts.“ Der Bibliothekarssohn Allen hatte gelernt, dass „ein Deal immer ein Deal ist und man zu seinem Wort stehen muss. Bill war da flexibler, er fühlte sich im Recht, Vereinbarungen neu zu verhandeln, bis sie unterschrieben und besiegelt waren.“

 

Erst erhielt Gates 60 Prozent der Anteile, nach einigen Jahren verhandelte er erneut mit Allen und stockte seinen Anteil auf 64 Prozent auf. Bei Verhandlungen über die Aufteilung erkannte Allen irgendwann, so schreibt er laut „Wall Street Journal“ an einer anderen Stelle in den Erinnerungen, dass „Bills Eigennutz alle anderen Erwägungen überlagerte“. Allen war enttäuscht: „Ich dachte unsere Partnerschaft gründe auf Fairness. „Mein Partner war darauf aus, so viel wie möglich von dem Kuchen für sich zu schnappen und es zu behalten – das konnte ich nicht akzeptieren.“

Das liegt fast drei Jahrzehnte zurück. Inzwischen gab es auch versöhnende Momente zwischen den beiden Männern. Als Allen sich vor zwei Jahren von einer Chemotherapie erholte, stand Gates ihm bei. Er sei damals einer seiner häufigsten Besucher gewesen, „alles, was man sich von einem Freund erhofft – besorgt und fürsorglich“.

Ein Widerspruch ist das nicht – in 30 Jahren ändern sich Menschen und Freundschaften – vor allem, wenn beide nicht mehr im täglichen Konkurrenzkampf stehen.

 

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