Neuheiten auf der Videospielmesse E3: Batman trifft Sesamstraßenmonster (Spiegel Online, 10.6.2011)

Neuheiten auf der Videospielmesse E3

Batman trifft Sesamstraßenmonster

Weltraumschlachten, Lara Crofts Comeback, kostenlose Browserspiele, und, und, und: Auf der wichtigsten Videospielmesse der Welt in Los Angeles sind jede Menge spannende Neuheiten präsentiert worden – hier sind die besten.

Spiegel Online, 10.6.2011

{jumi [*3]}

Zwei neue Konsolen, viel Spekulation darüber, wie die neue Technik ( der Wii U) den Markt verändert – und natürlich massenhaft neue Spiele: Die E3 in Los Angeles hatte in diesem Jahr alles, was zu einer Videospielmesse gehört.

Unter den vielen Neuvorstellungen waren auch liebevolle Entwicklungen legendärer Designer, die im Trubel um die großen neuen Schlachten in Blockbustern wie „Mass Effect 3“ oder „Battlefield 3“ etwas untergingen. So hat Tim Schafer („Monkey Island“, „Day of the Tentacle“) ein „Sesamstraßen“-Spiel entwickelt („Once Upon a Monster“), in dem man per Kinect-Bewegungssteuerung den Monstern bei ihren kleinen Problemen hilft

Gedacht ist das Spiel für Eltern, die mit ihren Kindern spielen – allerdings macht die ebenso niedliche wie lustige Spielwelt auch Freude, wenn zwei Erwachsene spielen. Bei den Probespielen am Stand des Herstellers sah man immer lachende Erwachsene stehen.

Kinect Zoom – nie mehr das Sofa zurückschieben

Spieler mit kleinem Wohnzimmer kennen das Problem: Will man mit der Bewegungssteuerung Kinect Spiele auf der Microsoft-Konsole Xbox 360 steuern, muss man erst die Couch (oder das Liegesofa im Studentenwohnheim) etwas zurückrücken oder ganz beiseite schieben, damit man weit genug entfernt von Fernseher und Kinect-Kamera stehen kann. Mindestens 1,8 Meter muss laut Microsoft ein Spieler von der Kinect-Kamera entfernt stehen, damit die Bewegungserkennung funktioniert, zwei Spieler müssen mindestens 2,4 Meter Abstand haben. Das ist etwas viel für die winzigen Wohnungen in den teuren Städten der Welt.

Der US-Zubehörsteller Nyko hat auf der E3 eine simple Lösung für das Problem vorgestellt: Man schnallt einfach ein paar Linsen vor die Kinect-Kamera – das soll den Mindestabstand um bis zu 40 Prozent reduzieren.

Bei einer Präsentation in der Messehalle funktionierte das ganz gut. Zwei Spieler konnten das Gummibootspiel der Sammlung „Kinect Adventures“ aus gut eineinhalb Metern Entfernung steuern. Wie gut der simple Linsentrick bei anderen Spielen funktioniert, muss sich noch zeigen. Für einen Testlauf ist das Linsenset gerade noch günstig genug – knapp 30 Dollar soll der Aufsatz kosten.

Onlive – Spiele aus der Wolke aufs Tablet

Der Anbieter Onlive betreibt in den Vereinigten Staaten seit einem Jahr einen ganz besonderen Cloud-Dienst: Spiele wir „Red Faction“ laufen komplett auf den Servern der Firma, die Spieler aber zocken daheim auf dem Fernseher, ohne Konsole. Die einzige Hardware ist eine kleine Box, über die der Online-Spielcontroller mit dem Netzwerk verbunden ist und die das Videosignal an den Fernseher weitergibt. Die auf Online-Servern berechnete Spielgrafik kommt per HD-Stream übers Netz. Voraussetzung: eine Internetanbindung mit hoher Bandbreite und guten Pingzeiten.

Diesen Streaming-Dienst wird Onlive für US-Kunden noch in diesem Jahr um Anwendungen zum Spielen auf dem iPad und Android-Tablets erweitern. Einige Spiele des derzeit mehr als hundert Titel umfassenden Onlive-Katalogs sollen in einer für Touchscreen-Bedienung angepassten Version verfügbar sein, die anderen kann man über den Onlive-Controller steuern, der per Bluetooth mit Tablets kommunizieren soll.

Die Tablet-Spielerei funktioniert natürlich nur bei guter Internetanbindung – also eher im W-Lan daheim oder unterwegs. Beim Kurztest am Stand lief die übers W-Lan gestreamte Online-Version von „Tom Clancy’s Splinter Cell Conviction“ auf einem iPad flüssig und ließ sich ohne spürbare Verzögerungen steuern. Onlives spielbare Tablet-Anwendung soll noch in diesem Jahr erscheinen, im Herbst startet das Unternehmen sein erstes Angebot außerhalb der Vereinigten Staaten – in Großbritannien.

Vielleicht lässt sich mit dieser Technik einmal ein geräteunabhängiges Spielerlebnis verwirklichen: Man spielt zu Hause auf dem Fernseher, abends im Bett auf dem Tablet, und auf dem Laptop unterwegs dasselbe Spiel, schließt nahtlos dort an, wo man zuletzt mit einem anderen Zugangsgerät aufgehört hat. Bis daraus aber ein Universaldienst wird, wie es heute Musik Simfy oder Spotify sind, muss noch die Mobilfunk-Abdeckung besser und dichter werden. Denn der Kern der Onlive-Idee ist es ja, dass die Spiele unabhängig von der Prozessorleistung der Zugangsgeräte laufen – der Server rechnet und das Mobilgerät braucht eine Internetverbindung, um die Ergebnisse zu empfangen.

Einige Spielehersteller setzen heute schon auf diese Technik. Zum Beispiel der Branchenriese Ubisoft, der einige Titel schon jetzt als Onlive-Version anbietet. Firmenchef Yves Guillemot erklärt das gegenüber SPIEGEL ONLINE so: „Wenn in ein paar Jahren Premiumspiele komplett auf Servern laufen sollten, wird das vieles ändern. Sie wären dann auf Tablets und Mobilgeräten verfügbar, das wäre gut für uns. Konsolen würden an Bedeutung verlieren, aber das macht mir keine Angst. Wir könnten Spieler immer und überall erreichen – das ist die große Chance.“

Wunderschöne Spiele-Fortsetzungen – doch, die gibt es!

Zu jedem erfolgreichen Spiel gibt es mit Sicherheit so viele Fortsetzungen, bis es sich nicht mehr verkauft – Kritiker beklagen das seit Jahren als mangelnde Kreativität der Branche. Nun kann man von der zwölften Version einer Fußballsimulation halten was man will, aber Fortsetzungen sind per se nicht schlecht.

Das zeigt zum Beispiel das wunderschöne Jump’n’Run „Rayman Origins“, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Die liebevoll gestalteten Wasser- und Dschungellandschaften, die Musik, die stimmigen Animationen machen „Rayman Origins“ zu einem der schönsten Spiele, die dieses Jahr zu sehen waren. Nach einer Viertelstunde Spiel hat man erstaunlicherweise Lust, mal wieder viele Tage mit einem Jump’n’Run zu verbringen. Denselben Effekt hatte die Spieldemonstration des im Herbst erscheinenden „Tintin“-Spiels („Tim und Struppi“) – ein Jump’n’Run zum Film mit vielen witzigen Ideen. Man spielt zum Beispiel ab und an Struppi und kann ganze Levels in Captain Haddocks Träumen verbringen.

Die Fortsetzung von „Batman Arkham Asylum“, des besten Bat-Games aller Zeiten, sieht vielversprechend aus: „Arkham City“ spielt in einem geschmackvoll und extrem detailreich umgesetzten Gotham City – man fliegt und springt und schwingt sich durch eine Stadt, in der man sehr gerne auch ein Blade-Runner-Spiel sehen würde.

Lara Crofts Wiederkehr

Auch der neue „Tomb Raider“-Titel könnte eine der besseren Fortsetzungen werden – es kann zwar noch ewig dauern und ganz schlimm ausgehen (der Titel erscheint irgendwann im nächsten Jahr), aber die bei einer Präsentation vorgeführten Spielsequenzen der für lieblose Fortsetzungen berüchtigten Reihe waren beeindruckend: Aus der abgenutzten Mechanik klettern, schießen, plündern ist ein beängstigender Survival-Horror-Titel geworden. Wenn es so düster bleibt, könnte „Tomb Raider“ irgendwann nicht nur ein Symbol für kreativen Bankrott, sondern auch für die Wiederbelebung sein.

Die Nintendo-Gang stürmt die 3DS

Vielleicht ist Nintendos neue Hosentaschen-Konsole 3DS nicht so erfolgreich gestartet wie erwartet, weil die großen Spiele fehlten. Die kommen in diesem und im nächsten Jahr, und zwar das volle Nintendo-Programm in 3D: „Super Mario“, „Luigi’s Mansion 2“, „Mario Kart“, „The Legend of Zelda: Ocarina of Time 3D“, „Star Fox 64 3D“, „Paper Mario“.

 

Kostenlose Spiele – „Star Trek“, „APB Reloaded“

Die großen Stände auf der E3 gehören auch in diesem Jahr den Branchenriesen des Premiumsegments. Aber zwischen den bombastischen Ständen der Blockbuster-Produzenten präsentieren sich auch ganz neue Konkurrenten aus Weißrussland, Russland, China, Jordanien, Deutschland und Korea. Firmen wie wargaming.net oder Kingsoft, die kostenlose Browser- oder auch Client-basierte Spiele vertreiben und Geld vor allem mit dem Verkauf virtueller Güter verdienen.

Die Bandbreite der Gratisspiele auf der E3 zeigt, dass dieser Markt nicht nur aus Bauernhof-Spielen für den Gelegenheitsklicker auf Facebook besteht. Das kalifornische Unternehmen Gamersfirst zeigte eine Beta-Version von „All Points Bulletin“. Dieses Action-Multiplayer-Spiel (die Guten kämpfen gegen die Bösen und die Bösen rasen mit Autos herum, rauben Banken aus, und erschießen Menschen, eine Art Multiplayer-„GTA“ mit starker Kampfbetonung) war einmal als Abo-Version geplant. Dem Betreiber ging aber nach dem Start das Geld aus, das Spiel erwies sich als katastrophaler Flop. Gamersfirst kaufte den Titel und bringt ihn nun als Kostenlosspiel. Ein mit Millionen-Budget entwickelter Premiumtitel wird zum Gratisspiel – das ist ein Zeichen eines Wandels.

Sehr interessant sieht auch die spielbare Demonstration des Browserspiels „Star Trek: Infinite Space“ aus. Auch das ist ungewöhnlich: Ein offizielles „Star Trek“-Spiel, an dem Schöpfer von „Next Generation“ und „Deep Space Nine“ als Berater mitwirken, als Gratis-Browsergame, entwickelt vom deutschen Anbieter Gameforge. Der Titel ist eher etwas für eine Runde von 15 oder 45 Minuten zwischendurch – man erfüllt einzelne Missionen, kämpft in Weltraumschlachten und rüstet auf Raumstationen das eigene Schiff weiter aus. Während Mannschaft und Schiff immer besser werden, entwickelt sich nebenbei eine Hintergrundgeschichte im „Star Trek“-Universum weiter – das fühlte sich bei der Messedemonstration des Spiels sehr viel gediegener als die meisten Browserspiele an.

Der russische Anbieter Nival zeigte eine Vorabversion seines Gratisspiels „Prime World“, einer komplexen Mischung aus Aufbaustrategie, Action-Rollenspiel und Minispiel, die sehr an Browsergames erinnert. Die Idee bei dieser Mischung ist, dass in einer Spielergruppe jeder nach seiner Neigung etwas beitragen kann. Wer Minispiele a la „Bobbles“ mag, kann das den ganzen Tag über spielen – die erreichten Punkte kommen der eigenen Gruppe zum Beispiel als Zaubersprüche zugute. Eine interessante Idee, um Gelegenheits- und Core-Gamer in einem Spiel zusammenzubringen – ungefähr so, als würde man mit seinem Erfolg in „Farmville“ und „World of Warcraft“ sein Spielerlebnis in „Age of Empires“ beeinflussen.

 

 

 

 

 

 

 

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