Breiviks Lieblings-Blogs: Weltbild der Verschwörung (Spiegel Online, 26.7.2011)

Breiviks Lieblings-Blogs

Weltbild der Verschwörung

Anders Breivik, der Mörder von Norwegen, las islamophobe Blogs, nun reagieren die Multikulti-Feinde auf seine Taten und finden seltsame Erklärungen dafür: „Videospiele“, „Multikulturalismus“, „islamische Rassisten“ – schuld ist, was in das rechte Weltbild passt.

Spiegel Online, 26.7.2011

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Wie reagiert jemand, den der Attentäter Anders Breivik in seinem Textkonvolut „Lieblingsschriftsteller“ nennt? Jemand, von dem Breivik schreibt: „Unsere Ansichten sind recht ähnlich mit dem Unterschied, dass ich ein bewaffneter Widerstandskämpfer bin.“ Jemand, dessen Texte Breivik auf mehreren hundert Seiten seines Pamphlets kopiert hat?

„Einfach schrecklich“ sei das, schreibt der angeblich aus Norwegen stammende Blogger Fjordman. Er hat am Montag einen langen, auf Englisch und Norwegisch verfassten Text veröffentlicht. Im Blog Gatesofvienna, einer jener nach eigener Zuschreibung „islamkritischen“, „nationalen“ oder „konservativen“ Publikationen, für die Fjordman seit Jahren Texte unter anderem über Zuwanderung und den Islam verfasst. In einem jener Blogs, in denen Breivik auf Fjordmans Beiträge aufmerksam wurde.
„Hunderttausende haben meine Essays über die Jahre gelesen“

Auf die Frage, ob er sich von Breivik instrumentalisiert, missverstanden fühle, antwortet Fjordman in einer E-Mail: „Ich habe keine Ahnung, was bei diesem Mann falsch gelaufen ist, warum er so etwas getan hat.“ Der Autor führt aus, dass er unter diesem Pseudonym erst seit Februar 2005 über den Islam und Einwanderung blogge, Breivik habe aber laut Medienberichten schon 2002 mit der Planung seiner Taten begonnen. Und: „Hunderttausende haben meine Essays über die Jahre gelesen, und soweit ich weiß, hat nicht ein einziger von ihnen deswegen auch nur einen Sperling getötet.“

Liest man Fjordmans Artikel zu den Morden im Blog Gatesofvienna, gewinnt man einen Eindruck davon, wie er viele seiner Texte aufbaut. Es stehen Sätze darin, die für den Leser nachvollziehbar sind, die jeder in so einer Situation schreiben könnte, wie zum Beispiel: „Wer auch immer diese unbeschreiblichen Gräueltaten angerichtet hat, ist ein Monster und verdient so wenig Mitleid, wie er es seinen unschuldigen, unbewaffneten Opfern entgegenbrachte.“ Laut eigenen Angaben kennt Fjordman einen der Überlebenden von der Insel Utøya.

Interessant ist an diesem Satz das „Wer auch immer“ („Whoever“ im englischen Original) – hier könnte man einen Zweifel an den Berichten über die Taten in Norwegen herauslesen, wenn man den Text mit einer entsprechenden Einstellung liest. Auf die Nachfrage, ob er an der Täterschaft Breiviks zweifele, antwortet Fjordman: „Ich glaube, dass er das getan hat. Aber das Ausmaß ist so unvorstellbar, dass ich es schwer glauben kann, dass er ganz allein gehandelt hat.“

Thilo Sarrazin als Opfer „herrschender multikultureller Oligarchen“

Einige von Fjordmans Texten liefern ideale Versatzstücke für die Weltbilder von Verschwörungstheoretikern. Fjordman wird manchmal auch explizit, zum Beispiel in einem Anfang Mai publizierten Text über die Zukunft Europas. Darin steht unter anderem:

„Alle Nationen überall auf der Welt versuchen, ihr Volkstum zu bewahren. Nur in mehrheitlich weißen, westlichen Ländern führen die Behörden einen vorsätzlichen, demografischen und kulturellen Krieg gegen die Mehrheitsbevölkerung.“
In diesem Text schreibt Fjordman von „den Behörden“. In einem anderen Text vom September 2010 verwendet er schon im Titel eine andere Formulierung: „Thilo Sarrazin gegen die herrschenden multikulturellen Oligarchen“. Fjordmans elaboriertes Geraune lässt sich auf diese einfache Verschwörungstheorie reduzieren: Eine kleine Gruppe mächtiger, reicher Personen in westlichen Staaten hole massenhaft „fremde Stämme“ in ihr Land.

Auf die Frage nach seinem Antrieb, über Jahre solche Textmengen zu schreiben, antwortet Fjordman unter anderem mit einer Kurzfassung seines Weltbilds: „Ich bin überzeugt, dass die islamische expansionistische Aggression eine Bedrohung für westliche Zivilisationen ist, aber ich glaube auch, dass einige grundlegende Schwächen in unseren Gesellschaften dies erst ermöglicht haben.“
Welche Schwächen das sein sollen, führt Fjordman in seiner E-Mail nicht weiter aus, aber hier dürfte der Text der Verschwörung im Kopf mancher Leser weiterlaufen: Die Schwächen sind abzustellen, will man die Zivilisation retten. Es könnte sein, dass sich jemand aus diesem Gedankengang eine Rechtfertigung für Gewalt zusammenreimt, auch wenn Fjordman derlei verdammt.

Niemals habe er in einem seiner Texte zu Gewalt aufgerufen, schrieb er am Montag. Menschen wie er würden seit Jahren vor „ethnischen Spannungen warnen“ – er „schaffe sie nicht“. Und dann stellt Fjordman eine jener rhetorischen Fragen, die Anregungen für wirre Weltbilder geben: Warum, so fragt er, würde in den Medien erst seit einigen Jahren zwischen einem radikalen und einem moderaten Islam unterschieden? Fjordman antwortet nicht darauf, das soll schon der Leser selbst tun.

Die anderen sind schuld

Und so weiter. Fjordmans Reaktion folgt einem Muster, das man nun in vielen der Blogs beobachten kann, die Breivik in seinem Pamphlet oft zitiert, die allesamt Fjordmans Texte veröffentlicht haben und die diesen kleinsten gemeinsamen Nenner haben: Einwanderung ist eine Bedrohung in vielen westlichen Staaten. Die Reaktion auf die Morde in Norwegen ist ähnlich: Die Autoren zeigen sich erschüttert, verurteilen die Gewalt und spulen dann ihr Standardprogramm ab.

Auf Brusselsjournal.com diagnostiziert ein Autor aus der Ferne: „Seine [Breiviks] Wut, genährt von Videospielen, könnte auch verursacht sein durch das Fehlen einer echten Debatte über die radikalen Veränderungen, die der Multikulturalismus bewirkt.“ Auf Jihadwatch.org führt ein Autor aus, Charles Manson habe in dem Beatles-Song „Helter Skelter“ eine Aufforderung zum Töten herausgehört, die es nicht gebe – so verhalte es sich auch mit Breivik und Jihadwatch. Und nun würden die „Breivik-Morde“ dazu „verwendet, den Widerstand“ zu diskreditieren. Und Pamela Geller behauptet auf atlasshrugs2000.typepad.com: „Sollte ihn jemand zu Gewalt aufgehetzt haben, waren es die islamischen Rassisten.“
So lang, elaboriert und belesen die Autoren vieler dieser Blogs schreiben, letztlich haben sie auf jede Tat, jedes Ereignis und jede Kritik nur diese eine Antwort: Ihr Feindbild ist an allem schuld und für alles verantwortlich.

Das haben diese Reaktionen mit Breiviks Pamphlet gemeinsam.

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