Google-Forscher Dan Russell: „Treffer sind keine Antworten“

Googles Suchmaschine wirkt schlauer als sie ist. Tatsächlich versteht die Software das Netz nicht – sie analysiert nur, was Menschen für wichtig halten. Dan Russell beobachtet für den Konzern die Nutzer. Im Interview warnt er: Überlasst der Technik nicht das Denken!

SPIEGEL ONLINE, 8.10.2011

Dan Russell, 55, arbeitet als Forscher seit 2005 bei Google. Er untersucht, wie Menschen die Suchmaschine nutzen. Russell hat Informatik studiert, dann am Xerox Palo Alto Research Center (PARC) im Gebiet Mensch-Maschine-Schnittstellen geforscht. Bevor er zu Google wechselte, arbeitete Russell bei Apple und IBM.

SPIEGEL ONLINE: Herr Russell, Sie untersuchen bei Google die Qualität der Web-Suche. Was kann ich mit einer Google-Suche nicht finden?

Russell: Einiges ist schwierig. Wir haben vieldeutige Begriffe noch nicht im Griff. Es ist auch sehr schwierig, Software zu finden, die ein bestimmtes Problem löst. Wenn ich zum Beispiel eine genaue Vorstellung habe, wie ich Daten visualisieren will und ein Programm suche, mit dem ich das umsetzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist das Problem?

Russell: Ich kann nur eine vage Beschreibung der Aufgabe ins Suchfenster tippen, zum Beispiel „visualisierung tabellen programm“. Ich habe keine Ahnung, wie die Programme heißen. Im Moment stellt der Algorithmus diese Verbindung her, wenn jemand im Web klar geschrieben hat, Software X löst Problem Y. Um da immer befriedigende Ergebnisse zu liefern, müsste die Suchmaschine abstrakte Konzepte verstehen. Bei einem ähnlichen Problem sind wir weiter: zwischen einer Absicht und ihrer Artikulation zu unterscheiden. Das ist wie bei Ihrer Frage: Vielleicht meinen Sie etwas ganz anderes als das, was ich nun beantwortet habe.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte ich denn gemeint haben?

Russell: Versteht Google, was ich eigentlich suche? Mit denselben zwei, drei Suchbegriffen wollen Menschen oft ganz unterschiedliche Dinge herausfinden. Ich beobachte das oft bei Programmierern: Einer tippt „Java Funktion“ ein, um eine Definition zu finden, ein anderer sucht mit dem Begriff Code-Beispiele. Es fällt Nutzern oft schwer, ihre Absicht als Suchanfrage zu formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet Google heraus, was Menschen eigentlich meinen?

Russell: Wir verstehen nicht, was Menschen meinen. Aber wir wissen zum Beispiel, auf welchen Treffer jemand klickt, wie lange er auf dieser Seite bleibt. Kehrt er sofort zurück und klickt auf ein anderes Ergebnis, stimmt etwas nicht. Wir messen die Güte der Suchergebnisse mittels vieler solcher Indikatoren. Manchmal können wir erklären, was nicht stimmt – oft nicht. Das wäre sonst Gedankenlesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werten statistisch aus, wie Menschen auf die Treffer reagieren, die Google liefert. So können Sie aber nicht herausfinden, ob grundsätzlich etwas falsch läuft bei der Suche.

Russell: Stimmt. Deshalb machen wir regelmäßig Laborversuche. Wir stellen Testpersonen Aufgaben und beobachten, wie sie suchen. Zum Beispiel: Wie komme ich mit der U-Bahn in San Francisco von A nach B. Manche Menschen rufen direkt die Seite der Nahverkehrsgesellschaft auf, andere Google Maps oder die Web-Suche. Wir machen auch Feldforschung. Ich begleite oft Testpersonen in der Stadt oder bei der Arbeit und beobachte, wie sie suchen, was sie falsch verstehen. Ich nenne das Suchanthropologie. Wir forschen so auch nach verborgenen Bedürfnissen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Russell: Die Rechtschreibkorrektur bei Suchanfragen. Das war die wohl wichtigste Google-Innovation bislang, was die Bedienung angeht. Wie erfolgreich das ist, haben wir erst gesehen, als wir die automatischen Vorschläge aktiviert haben. Bam! Der Traffic hat sich vervielfacht, die Suchergebnisse entsprachen der Absicht, nicht der ursprünglichen Anfrage. Der Algorithmus lernt nun die 20.000 Arten, Britney Spears falsch zu buchstabieren – und kennt die richtige.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedürfnisse beobachten Sie bei Ihrer Feldforschung?

Russell: Ich sehe zum Beispiel, dass Menschen oft eine knappe Zusammenfassung eines Themas suchen. Menschen wollen sich schnell einlesen – 30 Sekunden. So ein Abriss müsste kürzer als ein Wikipedia-Artikel sein und vor allem eine Zusammenfassung zu jeder erdenklichen Suchanfrage bieten, nicht allein zu vorab definierten Themen.

SPIEGEL ONLINE: Das wären dann keine Treffer mehr, sondern Antworten. Die müsste Google selbst berechnen, auf Basis der im Netz verfügbaren Inhalte.

Russell: Genau! Ich habe mir das gerade ausgedacht – das ist kein Produkt. Aber bei bestimmten Suchanfragen ist eine andere Präsentation als die zehn Top-Treffer sicher hilfreicher für die Nutzer.

SPIEGEL ONLINE: Als Ergebnisse liefert Google manchmal Fakten – wo ist Paris? In Frankreich! Aber manchmal sind die Treffer auch Meinungen darüber, was Fakten sind, zum Beispiel, wenn es um die Wirksamkeit von Homöopathie geht. Verstehen die Nutzer den Unterschied?

Russell: Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich Seminare zum Thema Web-Glaubwürdigkeit gebe, sage ich immer: Interpretieren Sie Treffer nicht als Antworten – das sind unterschiedliche Dinge. Google befreit nicht von der Verantwortung zu denken. Das können wir nicht übernehmen. Wir haben bisher keinen Weg gefunden, Nutzern zu sagen, was die Wahrheit ist. Wir können nur urteilen: Das ist eine von Nutzern sehr gut angenommene Quelle.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Menschen, wie Google funktioniert?

Russell: Nein, die meisten nicht. Stelle ich die Frage, kommt als Antwort meistens: „Ich tippe etwas ein, es erscheinen Treffer.“ Aber die Mehrheit weiß, dass wir Links zu Seiten anzeigen, die andere Menschen angelegt haben. Sie wissen, dass die Treffer Verweise auf Quellen sind, nicht abschließende Antworten.

SPIEGEL ONLINE: Aber manchmal errechnet Google Antworten. Wenn ich „139 Dollar in Euro“ suche, zeigt mir die Google-Suche die aktuelle Umrechnung.

Russell: Das ist nur bei ganz wenigen Fragen so, bei denen wir uns sehr sicher sind, dass die Antwort stimmt. Wie alt ist Obama? Was läuft im Kino?

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ich das in Hamburg eingebe, sehe ich das Hamburger Kinoprogramm. Wie personalisiert sind Suchergebnisse?

Russell: Dass wir in Deutschland deutschsprachige Treffer bevorzugt angeben, dass wir in Hamburg lokale Treffer zeigen – das ist keine Personalisierung. Das betrifft ja alle Nutzer in der Region. Die eigentliche Personalisierung ist derzeit sehr schwach: Es geht da nur darum, ob ein Treffer statt auf Position acht auf Position zwei angezeigt wird, weil das zu ihrer vorigen Suchanfrage passt.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker wie der Sachbuchautor Eli Pariser fürchten einen Tunnelblick, wenn jeder nur noch Suchergebnisse sieht, die in sein Weltbild passen.

Russell: Jedes Informationsangebot schafft auf seine Art eine solche Filterblase. Zeitungen wählen Nachrichten aus, Bibliotheken wählen Bücher aus, Googles Algorithmen wählen aus, welche Treffer sie zuerst zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie entscheiden auf Basis der Mehrheitsmeinung.

Russell: Ja, Google reflektiert die Gesellschaft. Das ist wie bei ausgetretenen Pfaden im Park, abseits der angelegten Wege. Niemand hat sie geplant, sie sind entstanden, weil viele Menschen diese Wege wählen. Google urteilt nicht, was der beste Weg ist. Wir analysieren, wie der Park genutzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie schummeln. Es geht gar nicht darum, den Sinn der Inhalte zu erfassen. Es genügt Ihnen, die Auffassung der Mehrheit der Nutzer zu erfassen. Das ist der einfache Weg.

Russell: Also einfach würde ich nicht sagen… In Teilbereichen analysieren wir Wortbedeutungen, unsere Algorithmen lernen zum Beispiel Synonyme. Aber sie analysieren nicht das gesamte Web semantisch. Unsere Algorithmen erkennen nicht Verben und Subjekte wie man das vom natural language processing bei Künstlicher Intelligenz kennt. Unsere Ergebnisse wirken nur manchmal so.

Dan Russell, 55, arbeitet als Forscher seit 2005 bei Google. Er untersucht, wie Menschen die Suchmaschine nutzen. Russell hat Informatik studiert, dann am Xerox Palo Alto Research Center (PARC) im Gebiet Mensch-Maschine-Schnittstellen geforscht. Bevor er zu Google wechselte, arbeitete Russell bei Apple und IBM.