Drogenbeauftragte: Forscher erklären Hunderttausende für onlinesüchtig (Spiegel Online, 26.9.2011)

Drogenbeauftragte

Forscher erklären Hunderttausende für onlinesüchtig

560.000 Deutsche sollen abhängig vom Internet sein, sagt eine Studie im Auftrag der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Doch über das, was Internetsucht eigentlich ist und wie man sie bestimmen kann, streiten Experten.

Spiegel Online, 28.9.2011 mit Matthias Kremp

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Was ist eigentlich Onlinesucht? Medizinern streiten seit Jahren über die Frage, ob diese Erkrankung existiert. Nun hat eine Forschergruppe bei einer Studie, die vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, eine pragmatische Definition der Onlinesucht gewählt: Wer bei der Telefonbefragung 28 von 56 möglichen Punkten erzielte, gilt als onlinesüchtig – und das sind laut den Forschern 1,5 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 64 Jahren.

Das Forscherteam wertete eine repräsentative Telefonumfrage von 15.024 Personen dieses Alters aus. Den anonym Befragten wurden 14 Fragen wie diese gestellt: „Wie häufig denken Sie an das Internet, auch wenn Sie gerade nicht online sind?“ Oder: „Wie häufig setzen Sie Ihren Internetgebrauch fort, obwohl Sie eigentlich aufhören wollten?“ Die Befragten konnten darauf mit „nie, selten, manchmal, häufig, sehr häufig“ antworten. Ein „nie“ als Antwort wird mit 0 Punkten, „sehr häufig“ mit vier Punkten bewertet.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher Daten, die bereits im Rahmen der Studie „Pathologisches Glücksspielen und Epidemiologie (Page)“ erhoben und im Februar veröffentlicht wurden. Schon damals wiesen die Autoren darauf hin, dass ihre Datenbasis eine „hervorragende Grundlage für eine Fülle von weiteren und vertiefenden Analysen“ biete. Im Rahmen der Page-Studie wurde Internetabhängigkeit als Begleiterscheinung von Glücksspielsucht erfasst.

Der Definition der Forscher zufolge gelten 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen als internetsüchtig, in der Altergruppe zwischen 14 und 16 Jahren sind es vier Prozent, folgt man den Kriterien der Forscher. All diese Zahlen sagen aber wenig darüber aus, was Onlinesucht nun tatsächlich ist – abgesehen davon, dass die Befragten bestimmte Antworten auf Fragen gegeben haben.

Onlinesucht ist noch nicht erforscht

Mediziner definieren Sucht anhand von Standard-Diagnosehandbüchern für psychische Störungen. In den derzeit aktuellen Werken ICD-10 und DSM-IV fehlt die Onlinesucht, es gibt keine allgemein gültigen Kriterien. Die American Psychiatric Association (APA) erarbeitet derzeit die nächste Ausgabe des DSM, sie soll 2013 erscheinen. Die APA hat 2010 entschieden, Onlinesucht nicht als eigene Kategorie aufzunehmen, sondern sie lediglich im Anhang aufzuführen. Begründung: Es gibt nicht genügend Forschungsergebnisse, man wolle mit der Aufnahme in den Anhang weitere Untersuchungen anregen.

Unter Medizinern ist umstritten, ob man bestimmte Verhaltensweisen ohne Bezug zu einer Substanz überhaupt als Sucht definieren solle. Den Stand der Debatte fasst der Mediziner Ronald Pies im US-Fachmagazin „Psychiatry“ so zusammen:

„Einige Psychiater argumentieren, dass Internetsucht einige Kennzeichen aufweist, die substanzbezogene Süchte charakterisieren – wie Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung – doch es gibt wenige Daten, die solche Aussagen stützten. Es ist nicht klar, ob Onlinesucht Ausdruck einer Grunderkrankung oder eine eigenständige Erkrankung ist.“

Der Direktor des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) Jens Reimer verteidigt die Ergebnisse der deutschen Studie zur Internetsucht gegen solche Einwände. Er bewertet das methodische Design der Studie als „sehr gut“. Die großen Sucht-Surveys in Deutschland würden ebenfalls über Telefonbefragungen durchgeführt. Und die Fragen würden sich in diesem Fall an wichtigen Kriterien für Sucht orientieren: „Zwang, Kontrollverlust, Vernachlässigung sozialer Kontakte“. Reimer urteilt: „Diese Ergebnisse auf Basis dieses Fragenkatalogs sind meiner Ansicht nach valide.“

Reimer räumt ein, dass eine Verhaltenssucht nicht in allen Charakteristika mit substanzbezogenen Süchten wie denen nach Alkohol oder Nikotin vergleichbar sei: Nach klassischen körperlichen Entzugserscheinungen wie nach Absetzen des Alkohols bei einem Alkoholabhängigen werde man vergeblich suchen. Aber, so Reimer: „Das allein spricht nicht dagegen, von Onlinesucht zu sprechen.“

Zwang, Kontrollverlust, Vernachlässigung sozialer Kontakte

Bewertet man allerdings Medienkonsum oder andere Verhaltensweisen nach diesen Kriterien, könnte man vielleicht auch eine Fernsehsucht feststellen. Schließlich sitzen viele Zuschauer oft länger als beabsichtigt vor dem Bildschirm, verzichten auf Schlaf oder gar darauf, auszugehen. Niemand weiß, zu welchen Ergebnissen die Studie gekommen wäre, hätte man die Befragten Angaben zum Fernsehkonsum machen lassen. Warum gibt es solche Studien nicht?

Suchtforscher Reimer antwortet: „Fernsehkonsum wurde nie als Sucht betrachtet, ich vermute, weil die Aufgabe von sozialen Kontakten zugunsten des Fernsehkonsums als nicht so pathologisch eingeschätzt wurde.“ Reimer sieht diese Fragestellung beim Internet jedoch als legitim: „Neu am Medium Internet ist die Interaktivität und die Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen.“ Diese Möglichkeiten steigern Reimers Ansicht nach die Bereitschaft, bei bestimmten Personen, „das Sozialleben in größerem Ausmaß aufzugeben als zum Beispiel beim Fernsehen.“

Einige entscheidende Fragen beantwortet die neue Studie nicht: Ist für jeden Nutzer ein bestimmtes Maß der Online-Nutzung als Sucht zu definieren? Ist es gleich zu bewerten, wenn ein Mensch regelmäßig länger als ursprünglich gewollt Nachrichten liest, Shoppingseiten durchforstet, spielt, mit seinen Freunden chattet, Online-Pornos konsumiert? Und: Ist Onlinesucht eine Begleiterkrankung? Nutzen die Betroffenen das Internet auf eine bestimmte Art, weil sie an einer anderen Grunderkrankung leiden? Surft jemand exzessiv, weil er depressiv ist?

Suchtforscher Reimer urteilt: „Wie und unter welchen Umständen die Onlinesucht eine Begleiterkrankung ist, kann die jetzt vorgelegte Studie nicht beantworten – das wurde nicht abgefragt. Da sind weitere, klinische Studien notwendig.“