Web-Musikmarkt: Google gegen iTunes, Frankreich gegen den Rest der Welt (Spiegel Online, 16.11.2011)

Web-Musikmarkt

Google gegen iTunes, Frankreich gegen den Rest der Welt

Bewegung im digitalen Musikmarkt: Google erweitert sein Cloud-Angebot wohl um Kaufmusik, Amazon und Apple machen sich harte Konkurrenz bei Überall-Musikdiensten, vorerst nur in den USA. In Deutschland könnte noch in diesem Jahr ein neues Streaming-Angebot starten – aus Frankreich.

SPIEGEL ONLINE, 16.11.2011

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Google will sein Musikangebot ausbauen. In der Nacht zum Donnerstag nach deutscher Zeit wird der Internetkonzern bei einer Veranstaltung in Los Angeles neue Funktionen des Dienstes Google Music vorstellen. Das “ Wall Street Journal“ berichtet, Google werde einen Onlineshop für Digitalmusik eröffnen. Dem Bericht zufolge wird Google Music mit einem eingeschränkten Angebot starten. Der Konzern soll Verträge mit drei der großen Labels haben, und zwar mit Sony, Universal und EMI.

Dem „Wall Street Journal“ zufolge fehlt Google ein Vertrag mit Warner Musik – damit würden im Google-Repertoire Künstler wie Johnny Cash, Tom Waits und The Smashing Pumpkins fehlen.

Eine Mischung aus Streaming-Dienst und Download-Shop?

Es ist derzeit nicht klar, wie sich der Onlineshop in das bereits bestehende Angebot von Google Music einklinkt. Bei Google Music können Mitglieder eigene Musikdateien von ihrem Computer auf Google-Server hochladen und dann über den Browser von jedem Rechner aus Musik aus dieser Sammlung anhören.

Besitzer eines Android-Telefons können mit einer Google-Music-Anwendung auch unterwegs auf die eigene Musik-Sammlung zugreifen. Ausgewählte Titel werden auch lokal auf dem Android-Smartphone gespeichert, so dass nicht ständig Daten übertragen werden müssen. Im deutschen Android-Store ist diese Anwendung nicht erhältlich, der Web-Dienst von Google Music ist aber von aus Deutschland nutzbar.

Die in Googles Onlineshop erworbenen Musikstücke könnten sich in dieses Streaming-Angebot ähnlich einklinken, wie die jetzt schon kostenlos verfügbaren Songs. Gibt man bei Google Music Genres an, die man besonders mag, fügt der Dienst aus dem Bereich automatisch zufällig ausgewählte Titel der eigenen Musiksammlung hinzu. Ähnlich könnte das bei Googles Musik-Shop auch laufen – zusätzlich zum Download der gekauften Musikdateien.

Harte Konkurrenz im Streaming-Geschäft

Ob Googles Onlineshop für Musik zeitgleich mit dem US-Start auch für Kunden in Deutschland zugänglich sein wird, ist unklar – aber das scheint nicht sehr wahrscheinlich. Ähnliche Dienste von Apple und Amazon sind heute zwar in den USA, aufgrund von Lizenzverhandlungen bislang aber nicht in Deutschland verfügbar.

Google liegt mit seinem derzeitigen Angebot hinter den Konkurrenten Amazon und Apple. Amazon bietet US-Kunden die Möglichkeit, beim US-Onlineshop gekaufte MP3-Downloads direkt auch in einer persönlichen, webbasierten Musikdatenbank abzulegen.

Amazon mischt Download-Shop und Streaming-Angebot

Dieser sogenannte Amazon Cloud Player ist über jeden Internet-Browser abrufbar, für Android-Tablets und Telefone gibt es eine Anwendung zum Abspielen von Musik aus der eigenen Datenbank. Die Titel können auch auf dem Smartphone gespeichert werden. Amazon bietet zusätzlich die Möglichkeit, die eigene digitalisierte Musiksammlung auf die Amazon-Server zu laden.

Amazons US-Repertoire umfasst 17 Millionen Titel, das deutsche Angebot 19 Millionen Songs. Dennoch ist Amazons Musikangebot für Kunden aus Deutschland nur eingeschränkt nutzbar: Sie können Musikdateien nicht im US-Shop kaufen. Aus Amazons deutschem MP3-Angebot ist es nicht möglich, Einkäufe direkt im Cloud Player verfügbar zu machen. Man kann aber den Cloud Player nutzen und auch eigene Musikdateien hochladen. Über die deutsche Amazon-Musik-Awendung lassen sich diese Songs auch auf Android-Geräten abspielen, allerdings können die Dateien nicht auf dem Gerät gespeichert werden.

Das Apple-Angebot ist bequemer als die Konkurrenz

Apple hat Mitte November in den Vereinigten Staaten seine Mischung aus Download-Shop und Streaming-Angebot freigeschaltet. Der Dienst iTunes Match ermöglicht es, Einkäufe im iTunes Store und Songs, die man beispielsweise von eigenen CDs gerippt hat, in Apples Datenwolke iCloud zu speichern. So sind die Titel überall für jedes Gerät verfügbar, das mit dem Account des jeweiligen Nutzers verbunden ist. Sprich: Auf allen Apple-Geräten funktioniert’s und auf Computern, auf denen iTunes läuft. Das Besondere: Der Service funktioniert, ohne dass man die Titel umständlich und zeitaufwendig hochladen müsste, so wie es beispielsweise bei Google Music der Fall ist.

Bislang fehlen dem US-Konzern noch die Lizenzrechte für den Betrieb des Musikdienstes hierzulande, ursprünglich wollte Apple das Angebot in Deutschland noch in diesem Jahr starten.

Apple hat das größte Repertoire an Digitalmusik: Mehr als 20 Millionen Titel sind im iTunes Store erhältlich.

Simfy, Spotify, Juke und Deezer: Streaming-Konkurrenz baut aus

Technisch unterscheidet sich das Angebot der sogenannten Streaming-Anbieter wie Simfy immer weniger von den Mischformen aus Download-Musik und Streaming, wie es Amazon und Apple bieten. Wer bezahlt, kann die Songs aus dem Repertoire des deutschen Anbieters Simfy auch lokal auf Computern und Mobilgeräten speichern. Genauso funktioniert das beim schwedischen Dienst Spotify, der auch in Großbritannien und den USA, aber noch nicht in Deutschland verfügbar ist.

Allerdings lässt sich die Musik nur mit der Software der jeweiligen Anbieter abspielen, nicht im Browser. Und anders als bei Downloads auch nur, so lange man die Abogebühren (knapp zehn Euro im Monat für die Premium-Dienste von Juke, Simfy und Spotify) zahlt. Die Software von Simfy und Spotify ist für PC, Mac und Linux verfügbar, zudem für Mobilgeräte mit Apples Betriebssystem iOS und dem Google-System Android. Simfy unterstützt zudem Blackberry-Smartphones, Spotify Windows Phone 7 und Symbian, Juke nur iOS- und Android-Smartphones.

Bei Spotify ist es derzeit schon möglich, eigene Musikdateien in die Musikbibliothek aufzunehmen und auf Mobilgeräte zu übertragen, der deutsche Konkurrent Simfy will diese Funktion bald nachliefern. Das Repertoire beider Dienste ist nicht ganz so groß wie das der Kauf-Angebote: Spotify hat für 15 Millionen Songs eine Lizenz für alle Staaten, in denen der Dienst verfügbar ist, bei Simfy sind derzeit 13 Millionen Titel im Angebot. Wer die Dienste abonniert, kann jederzeit auf das gesamte Repertoire zurückgreifen.

Spotify hat nach eigenen Angaben zwei Millionen Abonnenten und zehn Millionen registrierte Nutzer (es gibt eine werbefinanzierte Version mit deutlichen Einschränkungen).

Konkurrenz aus Frankreich

Wann Spotify in Deutschland verfügbar sein wird, ist unklar. Womöglich kommt dem aus Schweden stammendem Dienst ein in Deutschland bislang wenig bekannter französischer Konkurrent zuvor: Deezer. Das in Frankreich seit 2007 verfügbare Angebot ist ähnlich aufgebaut wie Spotify und Simfy: Es gibt Musik werbefinanziert nur mit einigen Nutzungseinschränkungen. Oder als Flatrate-Angebot: Für 9,99 Euro im Monat kann man das gesamte Repertoire von derzeit 13 Millionen Songs über den Browser abrufen, mit Hilfe von Deezer-Anwendungen für Windows, MacOS, iOS und Android-Smartphones und den Sonos-Radiosystemen hören und bestimmte Titel lokal speichern.

Deezer ist derzeit nur in Frankreich und Großbritannien verfügbar, der Dienst hat nach eigenen Angaben 20 Millionen registrierte Nutzer und eine Million Abonnenten. Deezer will expandieren: In einer aktuellen Präsentation der Firma heißt es, der Dienst werde „in den kommenden“ Wochen in Europa, Kanada, Süd-Ostasien, Australien, Neuseeland, Süd- und Zentralamerika, Nord- und Westafrika verfügbar sein.

 

Musikdienste im Überblick (Stand: 16.11.2011)
AngebotiTunesAmazon MP3Google MusicSimfyJukeSpotify
Katalog20 Millionen Titel19 Millionen Titel13 Millionen Titel (USA)13 Millionen Titel (DE)13 Millionen
Titel (DE)
15 Millionen
Titel (nicht in DE)
Abrech-
nung
Kauf einzelner Titel / AlbenKauf einzelner Titel / AlbenKauf einzelner Titel / AlbenFlatrateFlatrateFlatrate / Kauf einzelner Titel, Alben
Downloadgekaufte Titelgekaufte Titelgekaufte Titelneinneingekaufte 
Titel
StreamingMischform: Streaming und Synchroni-
sierung gekaufter Titel und eigener Uploads (nur USA)
gekaufte Titel (nur USA) und eigene Uploads (auch in DE)gekaufte Titel (nur USA) und eigene Uploads (auch in DE)der gesamte Katalogder gesamte Katalogder gesamte Katalog
Streaming per Browserneinjajajajanein
Anwend-
ungen
Windows, MacOS, iOSAndroid, BlackberryAndroidWindows, MacOS, Linux, iOS, Android, BlackberryiOS, AndroidWindows, MacOS, Linux (Beta), iOS, Android, Symbian, Windows
Phone, Palm
Offline- Modusja
(Down-
loads)
ja
(Down-
loads)
ja
(Down-
loads)
ja, auf allen Geräten mit Simfy-Anwendungen, für Premium-Plus-Abonen-
nten
ja, auf iOS- und Android-Gerätenja, auf allen Geräten mit Simfy-Anwendungen, für Premium-Abonnenten
eigene Stückekönnen hochgeladen und synchronisiert werden, wenn die Stücke im iTunes-Katalog vorhanden sind, erfolgt kein Upload (nur USA)können hochgeladen und gestreamt werdenkönnen hoch-
geladen und gestreamt werden
angekündigtneinkein Upload,
nur Zugriff per Anwendung auf der Festplatte, Synchronisie-
rung mit Mobil-
geräten
(nicht DE)
Kosten0,69 bis 1,20 Euro je Song (DE), Cloud-Synchro-
nisierung für gekaufte Titel gratis USA), für eigene Titel 25 Dollar / Jahr (USA)
0,29 bis 126,95 Euro je Song (DE), Cloud-Speicher für gekaufte Titel gratis (USA), 5 GB Cloud-Speicher für eigene Titel gratis, 20 GB für 20 US-Dollar / Jahr0,99 bis 1,29 US-Dollar je Song, kostenloser Cloud-Speicher für 20.000 Titelwerbe-
finanziert (20 Stunden Streaming auf Desktop / per Browser), 4,99 Euro / Monat (unbe-
grenztes Streaming auf Desktop / per Browser), 9,99 Euro / Monat (alle Funktionen)
9,99 Euro / Monatwerbe-
finanziert (nur Desktop-Streaming), 
4,99 Euro / Monat (werbefrei, Streaming
auch auf Mobil-
geräten), 9,99 Euro / Monat / alle Funktionen)