Aktionismus der Drogenbeauftragten: Wir tun was gegen Onlinesucht! Wogegen? (Spiegel Online, 18.2.2012)

Aktionismus der Drogenbeauftragten

Wir tun was gegen Onlinesucht! Wogegen?

Vages Krankheitsbild, markige Sprüche: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung will einer halben Million angeblich Onlinesüchtiger helfen. Was Internetsucht eigentlich ist, ob nicht eher andere Grunderkrankungen das Problem sind – alles ungeklärt. Die Regierung tut trotzdem schon mal was.

Spiegel Online, 18.2.2012

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans weiß: Etwa 560.000 „onlineabhängige“ Menschen zwischen 14 und 64 Jahren gibt es in Deutschland derzeit, in der Altersgruppe bis 24 Jahre sind nach Ansicht der FDP-Politikerin rund „250.000 Abhängige“. Gegen diese Onlinesucht soll die neue „Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik“ der Bundesregierung“ helfen – mit Aufklärung und Prävention.

Mechthild Dyckmans erweckt immer wieder den Eindruck, als sei abschließend geklärt, was Onlinesucht ist. Die Drogenbeauftragte beschreibt beispielweise, wie eine Online-Suchtkarriere aussieht: „immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene“ tappen „in die Falle der Internet- und Computerspielsucht“, sagte sie Anfang Februar. Die Folgen sähen so aus: Die Betroffenen „gehen nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule, vernachlässigen soziale Kontakte und sich selbst“.

Ist Spielsucht online etwas anderes als offline?

So eindeutig Dyckmans ihre Behauptungen formuliert, so vage ist die faktische Basis der Befunde. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der Internet- und der Computerspielsucht? Ist jemand, der stundenlang Onlinespiele nutzt, nun süchtig nach dem Internet oder nach Computerspielen? Und wenn nun Onlinesucht ein eigenständiges Phänomen ist, wann beginnt sie? Ist jemand onlinesüchtig, wenn er zu lange mit seinen Freunden bei Facebook kommuniziert? Oder fällt unter Onlinesucht nur exzessives Onlineshoppen und Onlinepokern? Aber ist Spielsucht nicht immer Spielsucht – online wie offline? Und gibt es, analog zum übermäßigen YouTube-Konsum, vielleicht auch eine Offline-Fernsehsucht?

All diese Fragen sind ungeklärt. Niemand weiß heute, was Onlinesucht ist, was Onlinesüchtige eigentlich tun, ob sie ihre Onlinedosis steigern, ob sie an anderen Erkrankungen leiden, die sie vielleicht mit Medien- und Substanzkonsum selbst therapieren.

Onlinesucht ist noch nicht erforscht

All das müssen Forscher noch in klinischen Studien untersuchen. Ungeachtet dieses Nichtwissens diagnostiziert die Drogenbeauftragte einfach so bei einer halben Million Menschen eine Suchterkrankung, die nun bekämpft werden soll. Die Zahl der Onlinesüchtigen, die Dyckmans immer wieder referiert, basiert auf einer 2011 in ihrem Auftrag durchgeführten Studie. In der steht aber nicht, was Onlinesucht tatsächlich ist, sondern lediglich, dass einige der Befragten bestimmte Antworten gegeben haben.

Natürlich liegt bei einigen Menschen eine problematische Onlinenutzung vor. Aber solange man nicht weiß, welche Probleme diese Menschen eigentlich haben, ist Forschung sinnvoller als Aktionismus. Als Maßnahme empfiehlt der Bericht trotzdem, die wie auch immer geartete Onlinesucht in die nächste Auflage des internationalen Standardwerks für Krankheitsdiagnosen, ICD-11, aufzunehmen.

Auf dem heutigen Wissensstand eine Volkserkrankung zu diagnostizieren, ist unredlich. Die Drogenbeauftragte handelt nur nach dem Motto: Wir wissen nicht, worüber wir reden, aber wir tun etwas dagegen.