Facebook-Börsenprospekt: Zuckerbergs Regierungserklärung (Spiegel Online, 2.2.2012)

Facebook-Börsenprospekt

Zuckerbergs Regierungserklärung

Transparenz, Verantwortung, Ehrlichkeit: Facebook dient dem Guten in der Welt, schreibt Gründer Mark Zuckerberg in einem Brief an die Investoren. Für den Dienst selbst gelten andere Regeln, das Börsenprospekt ist tatsächlich das Manifest eines neuen Staates.

Spiegel Online, 2.2.2012

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850 Millionen aktive Nutzer im Monat! Fast immer, wenn Journalisten, Blogger und Analysten veranschaulichen wollen, wie groß die Reichweite von Facebook ist, bemühen sie diesen Vergleich: Wäre Facebook ein Staat, wäre er der drittgrößte der Welt. In diesem Bild ist Facebooks Börsenprospekt so etwas wie eine Regierungserklärung dieses Staates. Das Dokument führt aus, was dieser Staat als seine Kernaufgaben betrachtet, wie dort regiert wird, welche Ziele die Machthaber verfolgen.

Vergleicht man das Börsenprospekt mit Mark Zuckerbergs Begleitbrief an die Investoren, erkennt man einen interessanten Unterschied. Zuckerberg schreibt, Facebook sei „ursprünglich“ nicht zum Geschäftemachen gegründet worden, sondern um die Welt „offener und vernetzter“ zu gestalten. Man wolle Werkzeuge entwickeln, die einen „ehrlicheren und transparenteren Dialog über die Regierung“ ermöglichen und Regierende stärker zur Rechenschaft ziehen könnten. Das klingt nach Mitbestimmung, doch für das Gemeinwesen Facebook sieht die Firma eine solche Mitwirkung der Regierten nicht vor.

Im Börsenprospekt findet sich unter den Risikofaktoren kein Absatz dazu, dass Nutzer vielleicht Ideen für die Funktionsweise des Netzwerks haben. Wie wäre es, wenn Mitglieder für mehr Datenschutz zahlen wollen? Facebook gibt das Geschäftsmodell vor: Der Dienst bindet Aufmerksamkeit, Anzeigenkunden bezahlen für diese Reichweite. Facebook fürchtet sich laut Börsenprospekt im Hinblick auf die Meinungsäußerung nur eins: Auswanderung. Wörtlich heißt es in dem Dokument:

„Sollten wir dabei versagen, bestehende Nutzer zu binden oder neue Nutzer zu gewinnen oder sollten unsere Nutzer weniger aktiv auf Facebook sei, könnten unsere Umsätze, Ergebnisse und das Geschäft insgesamt Schaden nehmen.“

Ein ergebnisoffener, transparenter Dialog ist das nicht. Facebook entscheidet, wie der Dienst aussieht. Und die Mitglieder nutzen, was ihnen vorgesetzt wird – oder sie verabschieden sich. Einen Mittelweg gibt es nicht, von einem Mitglieder-Mitspracherecht darüber, wie das Angebot aussehen könnte, ist im Börsenprospekt nicht die Rede.

Oberstes Ziel: „Die globale Reichweite steigern.“

Mitbestimmung ist das nicht, aber Mitbestimmung ist auch nicht das Ziel von Facebook. Der erste Punkt der im Börsenprospekt dargelegten Firmenstrategie lautet: „Die globale Reichweite steigern.“ Die Gewichtung und die Abhängigkeiten der erklärten Firmenziele sind klar: Facebook soll wachsen, diesem Ziel dient alles andere. Es ist nicht die Kernaufgabe der Firma, eine an übergeordneten Werten ausgerichteten Dienst zu schaffen. Gut ist, was genutzt wird.

Dieser Pragmatismus zeigt sich in dem Absatz des Börsenprospekts zum Wachstumsmarkt China. Ein „großer, potentieller Markt“ sei das. Aber bisher könnten Nutzer aus China nicht auf Facebook zugreifen. Vielleicht lässt sich das ändern: „Wir wissen nicht, ob wir einen Ansatz finden können, Inhalte und Informationen auf eine Art zu verwalten, die für uns und die chinesische Regierung akzeptabel ist.“

Das ist der Kernsatz des Börsenprospekts als Regierungserklärung: Es ist keine Rede davon, dass Menschen und Mitglieder ein universelles Recht auf eine bestimmte Form von Kommunikation haben, unabhängig von ihrem Wohnort. Wie Facebook in China funktionieren könnte ist eine Sache, die Facebooks und Chinas Machthaber untereinander aushandeln. Zu viel Kontrolle der staatlichen Zensoren kann Facebook nicht akzeptieren, weil das dem Ansehen der Firma im Westen schaden könnte. Zu wenig Kontrolle können die Machthaber in Peking nicht tolerieren. Die Freiheit der Nutzer ist Gegenstand eines Deals, nicht universeller Rechte.

Zuckerberg regiert

Das ist nicht weiter überraschend, wenn man Facebook als Unternehmen sieht. Problematisch ist das nur, weil dieses Unternehmen in großem Maß Kommunikationsräume gestaltet und verwaltet. Die Menschen nutzen Angebote wie Facebook in immer größerem Maß für Dinge, die früher im öffentlichen Raum stattfanden – also auf privaten Websites, in Mailboxen und Foren von Hobby-Betreibern.

Wenn Demonstranten sich über Facebook vernetzen, ist der Dienst in diesem Moment quasi-öffentlicher Raum. Zuckerberg beschreibt diese Wirkung selbst in seinem Brief an die Investoren. Er vergleicht Facebook mit der Druckerpresse, er spricht von dem Einfluss, die sein Dienst auf Regierungen, die Unterhaltungsbranche und den Journalismus hat. Das klingt größenwahnsinnig, aber diesen Einfluss gibt es wirklich.

Wer letztlich die Kontrolle über diesen Einfluss hat, wer letztlich über den Kommunikationsraum von 850 Millionen Menschen bestimmt, dazu findet sich im Börsenprospekt ein klarer Satz:

„Unser Geschäftsführer hat die Kontrolle über wichtige Entscheidungen, da er die Mehrheit der stimmberechtigten Firmenanteile besitzt.“

Mark Zuckerberg regiert, nicht die Aktionäre, nicht die Mitglieder.