Yahoos Klage gegen Facebook: Schnell gedacht, nichts draus gemacht (Spiegel Online, 13.3.2012)

Yahoos Klage gegen Facebook

Schnell gedacht, nichts draus gemacht

Soziale Netzwerke, individuelle Online-Anzeigen – Yahoo will Kernelemente des Web 2.0 erfunden und patentiert haben. Nur richtig erfolgreiche Dienste sind daraus nie geworden. Nun verklagt das abgehalfterte Portal Facebook. Kann Yahoo den Rechtsstreit gewinnen?

Spiegel Online, 13.3.2012

{jumi [*3]}

Liest man die Klageschrift, die Yahoo nun gegen Facebook eingereicht hat, kommt schnell die Frage auf: Warum sinkt eigentlich bei Yahoo der Umsatz, während er bei Facebook steigt? Die Klage listet auf sechs Seiten Yahoos Erfolge auf – eine „lange Geschichte der Innovation“. Vor vielen Jahren habe das Unternehmen erkannt, dass soziale Netzwerke die Zukunft sind und entsprechende Technologien entwickelt und patentiert. Der Vorwurf der Kläger: „Facebooks gesamtes Modell eines sozialen Netzwerks (…) basiert unter anderem auf Yahoos patentierte Technologie für soziale Netzwerke.“

Wenn das so stimmt, warum betreibt dann nicht Yahoo ein erfolgreiches Netzwerk? Eine mögliche Antwort findet sich in einem Aufsatz des US-Investors Paul Graham, der 1998 seine E-Commerce-Firma an Yahoo verkaufte und einige Jahre dort arbeitete. Graham beschreibt in einem Essay, wie er damals den Yahoo-Mitgründer David Filo drängte, Google zu kaufen:

„Ich und die meisten Programmierer in der Firma nutzten Google statt Yahoo für Web-Suchen. Filo sagte mir, es sei es nicht wert, sich darüber Sorgen zu machen. Die Web-Suche machte nur sechs Prozent unseres Traffics aus und Yahoo wuchs jeden Monat um zehn Prozent. Es war es nicht wert, noch schneller zu wachsen.“

Graham ist der Ansicht, dass Yahoo über Jahre hinweg zu gut mit Banner-Anzeigen verdiente, um ernsthaft andere Erlösmodelle zu erproben. Yahoo nahm Suchmaschinenwerbung nicht ernst, weil Yahoo Ende der neunziger Jahre ohne Suchmaschinenwerbung viel Geld verdiente. Graham: „Google hatte diese Ablenkung nicht.“

Yahoo kaufte Suchmaschinen-Vermarkter, Google verdiente

Bei der Suchmaschinen-Werbung hat Yahoo gute Erfahrung mit Patentklagen gemacht. Yahoo kaufte 2003 die Pionierfirma Overture. Das Unternehmen hatte lange vor Google eine Methode entwickelt, um kontextrelevante Anzeigen in Suchergebnissen zu platzieren. Und Overture hatte Google wegen Patentverletzungen verklagt. Yahoo einigte sich in der Sache dann außergerichtlich mit Google, vor dem Börsengang des damaligen Suchmaschinenbetreibers. Google gab 2,7 Millionen seiner Aktien an Yahoo aus. Und Google machte in den folgenden Jahren aus dem Werbeprinzip eine Geldmaschine, heute verdient der Werberiese mit Suchmaschinenwerbung noch immer den Großteil seiner Milliarden.

Nun steht Facebooks Börsengang an, und vielleicht hofft das Yahoo-Management auf einen ähnlichen Ausgang wie damals, 2004 bei Google. Die Klageschrift dämonisiert Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Er sei sich bewusst gewesen, dass Facebook bestehende Konzepte nutze, er habe sogar in Interviews darauf angespielt, als er sagte: „Es kommt nicht darauf an, dass man etwas als Erster macht.“

Angriff gegen Mark Zuckerberg

Yahoo klagt nun, man habe eine Menge als Erster patentiert, wenn auch all die Patente nicht unbedingt als Erster in erfolgreiche Produkte verwandelt. Die Klageschrift versucht mit einer merkwürdigen Argumentation, Yahoo eine wesentliche Rolle für Facebooks Erfolg zuzusprechen: „Facebooks Nutzung der von Yahoo patentierten Technologien hat Facebooks Umsatz und Marktanteil gesteigert, denn Facebook musste die Kosten und die Zeit für die Entwicklung der Technik nicht zurückgewinnen.“

Die zehn von Yahoo in der Klage aufgeführten Patente beschreiben allesamt recht allgemein gefasste Funktionsweisen von Web-Diensten. Yahoo wirft Facebook nicht das Kopieren seiner Angebote vor, es geht vielmehr um Funktionen, die Facebook-Ingenieure vielleicht selbständig umgesetzt haben, die aber zuvor von Yahoo patentiert worden sind.

So schützt zum Beispiel ein 2004 beantragtes und 2007 Yahoo zugestandenes US-Patent „Methoden und Systeme zur individuellen Anpassung der Ansicht von Informationen, die mit einem Nutzer eines sozialen Netzwerks verknüpft sind“. In dem Patent steht unter anderem, dass man basierend auf der Art der Verbindung von zwei Nutzern bestimmen könnte, was von den Aktivitäten des einen dem anderen angezeigt wird.

Ein anderes von Yahoo in der Klage aufgeführtes Patent aus dem Jahr 2006 schützt „Methoden und Systeme zur optimalen Platzierung von Anzeigen auf einer Website“. Zu den Methoden gehört auch zu prüfen, wie ein Nutzer eine Website bisher genutzt hat, um die Anzeigenplatzierung basierend auf diesen Informationen abzustimmen.

Ob Yahoo mit diesen sehr allgemeinen Patenten einen Anspruch geltend machen kann, wird ein Gericht entscheiden – oder Facebook vorab außergerichtlich, wenn der Firma das Risiko einer Entscheidung zu groß erscheint. Ob sich Facebook vor dem Börsengang auf eine Einigung mit Yahoo einlässt, ist unklar. Ein Facebook-Sprecher kommentiert, man sei enttäuscht über Yahoos Entscheidung und die Art der Kommunikation: „Wieder einmal haben wir zeitgleich mit den Medien von dieser Entscheidung erfahren. Wir werden uns energisch gegen diese rätselhaften Aktionen zur Wehr setzen.“

Aber selbst wenn Yahoo Erfolg mit der Klage haben sollte, wird der für Yahoo wohl nicht den unternehmerischen Erfolg ersetzen können. Den haben Google und Facebook. Paul Graham schließt seine Erinnerung an die Zeit bei Yahoo mit einigen Absätzen über die risikofeindliche Firmenkultur dort. Oft habe er dort den Spruch gehört, man brauche „Aufsicht von Erwachsenen“. Hackerkultur habe als unverantwortlich gegolten. Graham schließt so: „Es gibt Schlimmeres als den Eindruck von Verantwortungslosigkeit. Verlieren zum Beispiel.“