Houellebecq über Verfall und Ruhrgebiet

In „Karte und Gebiet“ schreibt Michel Houellebecq über den Tod, den Verfall und menschliche Versuche, der laufenden Zeit etwas entgegenzusetzen (Kunst, Liebe, Technik). Alle unabdingbar, aber vergeblich. „Die Vegetation trägt den endgültigen Sieg davon“, so endet der Roman. Kurz davor lässt Houellebecq den Maler Jed aber noch vom Ruhrgebiet als Metapher für all das erzählen:

Tatsächlich glich die ganze Gegend mit ihren Hochöfen, Abraumhalden, stillgelegten Bahngleisen, auf denen Güterwagen endgültig verrosteten, und Siedlungen mit blitzsauberen, identischen kleinen Häusern, die manchmal über einen kleinen Gemüsegarten verfügten, einem Museum für das erste Industriezeitalter in Europa. Jed war damals beeindruckt von den bedrohlich dichten Wäldern, die nach knapp hundert Jahren der Untätigkeit die Fabriken umgaben. Nur jene, die ihrer neuen kulturellen Bestimmung angepasst werden konnten, waren saniert worden, die anderen verfielen allmählich. Diese industriellen Kolosse, in denen sich früher der Großteil der deutschen Produktionskapazität konzentriert hatte, waren inzwischen verrostet oder halb eingestürzt, Pflanzen nahmen von den ehemaligen Werkstätten Besitz, überwucherten die Ruinen und verwandelten das Ganze nach und nach in einen undurchdringlichen Dschungel.

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