Wolfgang Wendland übers Musikgeschäft: „Die Nackt-Poster laufen gut“

19 Live-Auftritte im Jahr, Päckchen packen, T-Shirts zur Post bringen: Wolfgang Wendland, Sänger der Band Die Kassierer, erzählt, wovon er im Jahr 2011 gelebt hat und warum die CD-Einnahmen fehlen.

Spiegel Online, 20.4.2012

Wie leben eigentlich die Urheber, über deren Rechte derzeit Internetnutzer, Verwerter und Politiker streiten? Künstler, die nicht regelmäßig in den Charts sind, sondern wie die große Mehrheit einfach nur von ihren Werken leben müssen? Künstler wie Wolfgang Wendland, 49. er ist seit 1985 Sänger der Punkband Die Kassierer. Wendland lebt in Bochum-Wattenscheid, war 2005 Kanzlerkandidat der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands, ist seit 2009 Bezirksvertreter in Bochum-Wattenscheid, gewählt als parteiloser Kandidat auf der Liste der Linkspartei. Das Protokoll:

Als ich im Dezember 2010 merkte, dass nicht mehr so viel Geld da ist, hab ich aus einer gewissen Frustration heraus Poster hergestellt, wo ich nackt drauf bin. Die laufen eigentlich sehr gut, die sind auch vorne in unserem Webshop. Bis heute habe ich 800 davon verkauft, fünf Euro das Stück. Die kann man nicht downloaden. Der schwarze Balken über meinem Geschlechtsteil ist im Internet da, aber auf dem Poster nicht.

Ich will nicht sagen, dass das Poster meine Haupterwerbsquelle ist, aber es gleicht gewisse Verluste aus. Wir haben auf dem neuen Album ein Lied, da heißt es: „Und dann lege ich mich nackt aufs Bett und denke über Radioaktivität nach.“ Auf dem Plakat liege ich nackt auf dem Bett, darunter steht „und denke über Radioaktivität nach“. Wobei ich Wert darauf lege, dass wir das vor Fukushima gemacht haben.

12.000 Euro – das ist schon etwas wenig

2011 habe ich vor Steuer und Krankenkasse etwa 12.000 Euro verdient. Wären die Einnahmen aus dem CD-Verkauf stabil geblieben, wären es vielleicht 15.000 gewesen. Es war nie signifikant mehr, aber man merkt schon, dass es stagniert und dass sich da etwas verlagert. Wir haben Ende 2010 unsere neue Platte „Physik“ rausgebracht. 2011 waren die Konzerte teurer, trotzdem waren es am Ende 12.000 Euro – das ist schon etwas wenig.

Das meiste habe ich mit Konzerten verdient, etwa zwei Drittel. 19 haben wir gemacht voriges Jahr, da waren zwischen 500 und 1000 Leute bei einem Konzert, in Berlin waren 1300, Hamburg, München sind immer so um die 1000. Wir teilen auch die Gema-Einnahmen paritätisch in der Band unter uns vieren auf. Ich bin kein Musiker, ich komponiere nicht, dafür bin ich der einzige, der nicht nebenher arbeitet, damit ich Zeit hab, um flexibel zu sein, mit Veranstaltern Sachen zu klären.

Von „Physik“ haben wir bisher um die 5000 verkauft, früher wären das 15.000 gewesen. Ich denke nicht, dass das daran liegt, dass unsere Band weniger populär ist als damals. Die Konzerte sind voll, sogar noch voller als früher, die Leute können auch die neuen Lieder mitsingen.

Ich habe den Eindruck, dass das Online-Geschäft auf keinen Fall so viel bringt, dass es den Verlust bei Tonträgern ausgleichen kann. Wir haben das neue Album bei Amazon und iTunes und nach Auskunft unseres Labels noch bei 100 anderen Portalen. Ich habe mich darum gekümmert, dass die MP3s direkt auf unserer Seite stehen. Weil es ja immer heißt, das ist glaubwürdiger, wenn man das direkt bei der Band kauft, die Leute wollen ja direkt kaufen bei der Band. Ein Kollege von mir macht Webshops, die man direkt einbinden kann auf seiner Seite. Viel kommt da aber auch nicht rum. Wir kriegen 60 Prozent der Einnahmen, das waren voriges Jahr 500 Euro oder so. Der Rest geht überwiegend für Server-Kosten und Bezahlsysteme drauf.

Bei unserem Webshop merke ich: Früher machten CDs und T-Shirts so Hälfte-Hälfte der Umsätze, heute müsste ich die CDs gar nicht mehr einkaufen. Wir sind eigentlich ein Klamottenladen mit angeschlossenen musikalischen Dingen.

Mit all den administrativen Dingen für die Band bin ich 25, 30 Stunden die Woche beschäftigt. Ich pack die Päckchen fürs Merchandising und bring die zur Post. Ich fahr vor einem Konzert auch mal spontan zum Veranstalter, wenn der etwas Dringendes besprechen will. Die Flexibilität brauchst du, wenn du Musik machst. Die anderen in der Band arbeiten ja angestellt, die müssen bei Konzerten den Urlaub mit Kollegen abstimmen und das ist schon schwierig genug. Es sieht schön aus, wenn man bei einem Konzert in kurzer Zeit viel verdient, aber man erkauft sich das dadurch, dass man flexibel ist und wenig feste Einnahmen hat.

Bei dem ganzen Administrieren, eben auch dass man sich um Facebook usw. kümmern muss, ist nicht mehr so viel Zeit für Kreativität. Vielleicht liegt das am Alter oder daran, wie ich das angehe. Aber ich habe schon das Gefühl, dass es mehr Arbeit geworden ist. Dabei haben wir noch ein Label. Es gibt Bands, die schmeißen ihre Labels raus, um Geld einzusparen. Aber wir arbeiten mit denen seit Jahren gut zusammen, es ist wichtig, wenn jemand mit Erfahrung deine Platte neutraler sieht und Feedback gibt. Und die können sich um Vertrieb und Bemusterung viel besser kümmern, als ich das könnte.

„Bratwurst, grob und fein gekörnt“

Diese ökonomische Entwicklung in der Musik ist für die Nachwuchsbands problematischer. Das ist alles so ein Brei. Früher gab es mehr Plattenlabel, die sagten: Wir finanzieren euch. Wenn du heute die erste Platte von jemandem machst, zahlst du garantiert drauf und dieses Risiko gehen immer weniger Label ein.

Ich bin ja seit Ewigkeiten arbeitssuchend gemeldet. Vielleicht finde ich ja noch eine, meine Sachbearbeiterin ist aber etwas hilflos. Ich habe mal eine Umschulung zum „Werbe- und Medienvorlagenhersteller, Fachrichtung Medien-Operating“ gemacht, was immer das ist. Dann habe ich jahrelang eine kostenlos verteilte Wochenzeitung layoutet. Das sind die mit den Anzeigen der Metzger vor Ort. In die habe ich die magischen Worte getippt: „Bratwurst, grob und fein gekörnt.“