Freiheit im Netz: Warum Googles Facebook-Kritik scheinheilig ist (Spiegel Online, 19.4.2012)

Freiheit im Netz

Warum Googles Facebook-Kritik scheinheilig ist

China, Iran, Facebook, Apple: Sie alle zählt Sergey Brin als Feinde des freien Web auf. Doch der Google-Mitgründer verschweigt, dass auch sein Konzern Geld damit verdient, Wissen zu monopolisieren.

Spiegel Online, 19.4.2012

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Sergey Brin sorgt sich um die Freiheit im Netz. Der Google-Mitgünder fürchtet, so erzählt er dem britischen „Guardian“ jene „sehr mächtigen Kräfte“, die „weltweit gegen ein freies Internet“ auftreten. Einige der bösen Mächte benennt Brin im Interview: China, Saudi-Arabien, Iran, aber auch Facebook und Apple.

China und Apple? Brins Argumentation ist gar nicht so abwegig. Genauso hat vor gut zwei Jahren der Erfinder des World Wide Web Tim Berners-Lee die Gefahren für das freie Netz beschrieben. Drei große Gegner der Netzfreiheit machte er damals aus: Regierungen, die das Nutzungsverhalten ihrer Bürger überwachen, Internetprovider, die bestimmte Daten bevorzugt transportieren wollen, und große soziale Netzwerke, die Informationen horten und streng abgeschirmt vom Rest des Web Datenmonopole pflegen.

Es stimmt, dass Facebook sich über Like-Buttons, Kommentarfunktionen und Empfehlungskästen überall im Netz und in Apps breit macht, dort Informationen über Meinungsäußerungen, Vorlieben und Nutzungsarten seiner Nutzer sammelt und in Datenbanken hortet, die Facebooks Hoheit unterliegen.

Es ist allerdings bemerkenswert, dass ausgerechnet der Google-Mitgründer vor den Daten-Silos seiner Wettbewerber warnt, ohne die Rolle seiner eigenen Firma bei der Umgestaltung des Web zu thematisieren. Er beklagt, dass die Informationen in Apps von „Suchmaschinen nicht indexiert werden können“. Das ist richtig. Und richtig ist auch, dass man von Facebook nicht einfach so eine Liste seiner Freunde in einem Standard-Format herunterladen kann, wie es bei Google+ möglich ist.

Google-Modell: Freies Web und exklusive Nutzungsdatenbank

Dennoch misst Brin mit zweierlei Maß. Seit Jahren ist eine Veränderung im Netz zu beobachten. Wenige Anbieter konzentrieren und parzellieren das Internet und erfinden es dabei neu. Und einer dieser wenigen globalen Netz-Giganten ist Google. Denn Google zieht aus der Nutzung seiner Suchmaschine eine Menge Informationen, die der Konzern in Daten-Silos hortet und exklusiv zur Werbevermarktung nutzt. Googles Geschäftsmodell beruht auf einem freien Web, aber auch auf einer Google-exklusiven Datenbank über Nutzer und Nutzung dieses Web – eine Datenbank menschlicher Absichten und Netzwerke, wie „Wired“-Mitgründer John Battelle solche Daten-Silos einmal nannte.

Google erkennt beispielsweise über Cookies, welche angeschlossene Seiten in seinem Werbenetzwerk von einem bestimmten Computer, Smartphone oder Tablet aus abgerufen worden sind. Google sortiert auf Basis dieser Informationen die einzelnen Rechner konkreten Interessenkategorien zu und kann so den Anzeigenkunden wertvolle Exklusivinformationen bieten, mit denen sich Werbung gezielt schalten lässt. Die Informationen teilt Google mit niemandem. Ebenso wenig verrät Google anderen Firmen, wie oft Menschen bei Google-Suchen zu bestimmten Suchbegriffen einzelne Treffer aufrufen und wie viel Zeit sie dann auf diesen Seiten verbringen.

Google macht sich breit

Google nutzt andere Daten und subtilere Methoden bei der Monopolisierung seines Wissens über das Web, Nutzer und Nutzung – doch die Auswirkungen sind dieselben, wie Brin sie nun bei Facebook und Apple kritisiert. Der Google-Mitgründer beklagt, es wäre heute in einem von Facebook dominierten Web unmöglich, noch einmal etwas wie Google zu schaffen: „Man muss nach deren Regeln spielen und die sind sehr restriktiv. Wir haben Google in einem offenen Web entwickelt, deshalb war es möglich, eine Suchmaschine zu schaffen.“

Man muss einmal ketzerisch fragen: Wäre Facebook derart erfolgreich gewesen, hätte das Unternehmen ein völlig offenes Angebot ins Netz gestellt? Brin erwähnt nicht, dass Google seine Dominanz bei der Web-Suche nutzt, um auf vielen anderen Gebieten zu expandieren und Start-up-Unternehmen Konkurrenz zu machen:

  • Zu Googles Geschäft gehören inzwischen Betriebssysteme für Smartphones und Computer, Vertriebsplattformen für Software und Musik, Bezahlsysteme für Web-Dienste, soziale Netzwerke und Infrastruktur für Web-Anwendungen wie App Engine.
  • Bisweilen drängt Google die eigenen Dienste in den Vordergrund – so sollen Entwickler bei ihren Android-Apps bald Verkäufe und Zahlungen einzig über den hauseigenen Bezahldienst Google Wallet abwickeln.
  • Google ist längst nicht mehr ein Vermittler von Aufmerksamkeit im Web, der Konzern will mehr und mehr Aufmerksamkeit der Suchenden auf eigene Produkte lenken. Profile aus dem Netzwerk Google+ tauchen bei einigen Suchanfragen prominent in den Trefferlisten auf. Und bei immer mehr Anfragen zeigt Google inzwischen selbst die Antworten (Börsenkurse, Wetter, Kinoprogramm) an und hält die Nutzer im eigenen Angebot.
  • Google protokolliert anonymisiert bestimmtes Nutzerverhalten bei Gratisdiensten. Zum Beispiel bei Google Voice: Wenn die Google-Spracherkennung falsch interpretiert, was man sagte, kann man sie korrigieren. Die Korrekturen nutzt Google, um seine Spracherkennungsalgorithmen zu verbessern. All diese Informationen hat Google exklusiv – je mehr Anklang Googles Dienste finden, umso größer ist das Wissen zum Verbessern dieser und zur Entwicklung neuer Dienste, desto attraktiver werden wiederum die Angebote – ein Netzwerkeffekt.

Was Brin zum Google-Datensilo nicht sagt, steht in Googles neuer Datenschutzerklärung. Die erlaubt es dem Konzern, Nutzerdaten aus allen Diensten zu einem Super-Profil zu verknüpfen. Zu allen möglichen Zwecken:

„Wir nutzen die im Rahmen unserer Dienste erhobenen Informationen zur Bereitstellung, zur Instandhaltung, zum Schutz sowie zur Verbesserung dieser Dienste, zur Entwicklung neuer Dienste und zum Schutz von Google und unseren Nutzern. Wir nutzen diese Informationen außerdem, um Ihnen maßgeschneiderte Inhalte anzubieten – beispielsweise um Ihnen relevantere Suchergebnisse und Werbung zur Verfügung zu stellen.“