Alex Schwers übers Musikgeschäft: „Ab Windstärke 8 bin ich ruiniert“

50 Konzerte als Schlagzeuger gespielt, ein Open Air mit 5000 Besuchern organisiert: Der Gladbecker Punkmusiker Alex Schwers erzählt, wovon seine Familie im Jahr 2011 gelebt hat – und warum ihm Wind, Regen, Bauanträge und die Gema Sorgen machen.

Spiegel Online, 28.4.2012

Wie leben eigentlich die Urheber, über deren Rechte derzeit Internetnutzer, Verwerter und Politiker streiten? Künstler, die nicht regelmäßig in den Charts sind, sondern wie die große Mehrheit einfach nur von ihren Werken leben müssen? Künstler wie Alex Schwers, 37, Schlagzeuger der Punkband Slime und Veranstalter der Festivals Ruhrpott Rodeo und Punk im Pott. Das Protokoll:

Ich bin Musiker, das sehe ich immer noch so, obwohl ich inzwischen viel als Veranstalter arbeite. Festivals organisiere ich seit Jahren, aus Spaß und weil ich Geld für die Familie verdienen muss. Ich habe seit den Neunzigern in Bands gespielt, die zwar bekannt sind, aber nicht so groß, als dass man davon hätte leben können.

Der Plan war: Du kannst dich auf die Musik konzentrieren, wenn du nicht nur Musik machst, sondern nebenher Veranstaltungen organisierst. 1999 fing das an. Das erste Punk im Pott Festival in der Zeche Carl in Essen war sofort ausverkauft. Bombig. Ich kann mich noch erinnern, dass ich am Ende beim Abrechnen ein schlechtes Gewissen hatte, weil Geld übrig war, obwohl ich nicht selbst aufgetreten bin. Ich hab dann allen möglichen Leuten die irgendwas da gemacht haben noch was in die Hand gedrückt.

Im Jahr darauf wollte ich es dann richtig fett machen und bin auf die Schnauze geflogen. Da ist alles schief gelaufen. Im Gedränge an der Kasse hat sich jemand den Kiefer gebrochen und ich hatte eine Schadensersatzforderungen am Hals. Bei der Planung hatte ich mir alles schön gerechnet. Gema-Gebühren, Hotelkosten und so weiter – nichts kam so wie erhofft. Am Ende habe ich viel Geld von A nach B bewegt und nichts behalten.

20 Sanitäter, 25 Sicherheitsleute für 2000 Gäste

Heute sieht das so aus: Beim Punk im Pott 2011 waren etwa 2000 Leute. Bei einem Eintrittspreis von 33 Euro macht das also um die 66.000 Euro Umsatz. Getränkeumsatz hast du bei Indoor selten, kaum ein Betreiber gibt die Gastronomie ab. Vor ein paar Jahren wäre der Umsatz super gewesen. Mittlerweile sind die Kosten sehr hoch. Vor allem für Sicherheit infolge neuer Auflagen nach der Loveparade. Fürs Punk im Pott 2011 kosten allein die Sicherheitskräfte 10.000 Euro.

Das Festival dauert zwei Tage, insgesamt sind etwa 25 Sicherheitsleute vor Ort, teilweise rund um die Uhr. Laut Auflagen müssen mehrere Sanitätsfahrzeuge und knapp 20 Sanitäter rund um die Uhr vor Ort sein, dazu noch die Tonanlage, Licht, Hotels und so weiter. Da ist fast die Hälfte weg und noch keine Band bezahlt. Ich glaube, andere Festivals haben es da leichter, Punkrock wird von Ämtern halt immer noch kritisch beäugt.

Das Open Air Ruhrpott Rodeo ist größer als Punk im Pott. Im Optimalfall haben wir 5000 Leute und grob 250.000 Euro Ticketumsatz plus 60.000 bis 70.000 Euro Gastronomie. Die Leute stellen sich mehr darunter vor als es ist. Das ist keine Riesenfirma dahinter, ich organisiere das zusammen mit zwei Kollegen seit 2007. Wenn es gut läuft, ist der Getränkegewinn das, was unterm Strich bleibt. Seit 2010 machen wir Gewinn, die Jahre davor haben wir drauf gezahlt. Aber so ein Festival ist immer toll, wenn alles klappt, wenn du mit den Bands zu tun hast und merkst, dass sie Spaß haben.

Gema-Abgaben verdreifacht

Bands sind bei den Kosten der größte Posten. Beim Open Air machen Gagen wegen der hohen Ausgaben für Bauten und Sicherheit etwa 40, Indoor etwa 60 Prozent der Kosten aus. Ich hab vor allem mit dem Ruhrpott Rodeo das ganze Jahr zu tun. Da sind internationale Bands. Strenge Auflagen machen enorm viel Arbeit. Ein Beispiel: Du musst inzwischen einen Bauantrag stellen für die Zäune. Der Antrag kostet viel Geld, weil du zum Beispiel ein Brandschutzgutachten bezahlen musst. Beim Ruhrpott Rodeo haben wir dieses Jahr durch neue Auflagen etwa 30.000 Euro zusätzliche Kosten im Vergleich zum Vorjahr, deshalb sind die Karten etwas teurer geworden.

Die Kosten für die Gema haben sich verdreifacht. Die rechnen ihren Tarif jetzt anhand des kompletten Umsatzes, inklusive Getränken, aus. Da schimpft man als Veranstalter, das ist die eine Seite. Aber als Musiker, der mit Musikern mehr abhängt als mit Veranstaltern, finde ich die Gema gut. Profitiert habe ich nie besonders davon, ich bin ja Schlagzeuger, und habe nicht besonders viele Songs bei der Gema gemeldet. Bedauerlich ist nur, dass von diesem Gema-Geld bei den Musikern, die ich kenne, nicht so viel ankommt. Da ist Reformbedarf.

Bei einem Open Air Festival denkst du immer ans Wetter. Wenn es regnet, verlierst du Umsatz. Abendkasse macht beim Ruhrpott Rodeo ein Fünftel aus. Wenn das fehlt, bist du schnell im Arsch. Der Horror ist starker Wind. Wenn dir das Ordnungsamt beim Aufbau irgendwann sagt, das geht nicht mehr, bist du ruiniert. Es gibt Veranstaltungsausfall-Versicherungen für den Katastrophenfall, also ab Windstärke acht, aber die kosten viel. Vielleicht nächstes Jahr.

Ich habe zwei Kinder, elf und sechs Jahre alt. Meine Frau ist freiberufliche Fotografin. Wir haben kein festes Einkommen. Unterm Strich brauchen wir mindestens 35.000 Euro im Jahr zum Leben. Damit haben wir Jahre lang gelebt, kein Problem. Ich komme im Moment nicht komplett in die Künstlersozialkasse , dafür verdiene ich neben der Musik zu viel mit Veranstaltungsorganisation, deshalb bin ich bei der KSK nur renten-, aber nicht krankenversichert. Die Kosten für die Krankenversicherung steigen mit dem Alter, jetzt bin ich 37. Wie das später wird, und überhaupt, wie lange man so Punkfestivals machen kann – keine Ahnung. Musik werd‘ ich wohl immer machen. Vor sechs Monaten habe ich meinen Chevy Van verkauft. Das Geld, was der geschluckt hat, stecke ich jetzt lieber mal in eine private Rentenversicherung. Punk ist das nicht, aber vielleicht mal nützlich.

Mein Einkommen schwankt extrem. 2011 war ein gutes Jahr. Beim Ruhrpott-Rodeo waren die Kosten geringer, weil wir uns Zäune und Aggregate mit anderen Festivals auf derselben Wiese teilen konnten und dann lief ja auch noch die Slime-Tour. Insgesamt hab ich 2011 mit verschiedenen Bands etwa 50 Gigs gespielt. Dieses Jahr wird glaub ich nicht so gut. Keine Ahnung wo wir im Oktober stehen. Wenn es beim Rodeo zwei Tage regnet, wird’s mies.

Das hört sich jammerig an. Ist es aber nicht – ich will keinen Job lieber machen. Neulich hatte ich die Idee, mit Autogrammkarten mein Einkommen aufzufrischen. 10 Euro das Stück – das Geschäftsmodell geht nicht auf, ich habe keine einzige verkauft.