Videospielmesse E3: Bitte weiterspielen! (Spiegel Online, 4.6.2012)

Videospielmesse E3

Bitte weiterspielen!

Gratis-Browserspiele und iPhone-Unterhaltung für ein paar Euro: Das Game-Angebot war noch nie so groß und günstig wie heute. Für die Hersteller von Premium-Titeln ist das ein Problem. Auf der Spielemesse E3 zeigen sie, wie sie trotzdem bestehen wollen.

Spiegel Online, 4.6.2012

{jumi [*3]}

„Never stop playing“ – mit diesem Spruch hat Sony in diesem Jahr den größten Teil der westlichen Eingangshalle der Videospielmesse E3 in Los Angeles überklebt. Ein Ausdruck der Gigantomanie, der die Veranstaltung prägt. Hier zeigen die Großen der Spielbranche neue Konsolen und neue Blockbuster – Spiele mit enormen Budgets für Entwicklung und Vermarktung wie „Assassin’s Creed 3“ oder „Halo 4“, für die riesige Plakate auf den Mauern der Messehallen werben.

Mit diesem Blockbuster-Geschäftsmodell arbeiten die auf der E3 dominierenden Spielekonzerne seit Jahrzehnten: Wie Hollywood-Studios stecken sie viel Geld in Entwicklung und Vermarktung von Werken, die dann in kurzer Zeit ein zahlendes Millionenpublikum finden müssen, damit sie sich rechnen. Eine zunehmend riskante Wette.

Das Problem ist nicht, dass weniger gespielt wird – nur verfallen viele der neuen Spieler nicht mehr den Blockbustern. Konkurrenz kommt von sogenannten Free-to-Play-Titeln, bei denen die Anbieter die Software verschenken, um dann virtuelle Güter zu verkaufen – auf der Konsole, aber auch auf Smartphones, Tablets und Computern. Der südkoreanische Free-to-Play Anbieter Nexon zum Beispiel hat mit diesem Modell 1,1 Milliarden Dollar im Bilanzjahr 2011 umgesetzt und einen Überschuss von 331 Millionen erwirtschaftet.

Milliardenmarkt Gratisspiele

Das Kostenlos-Modell kommt bei Gelegenheits-, aber auch bei Intensiv-Spielern an: 60 Prozent der Spieler des Gartis-Browsertitels „Die Siedler Online“ zum Beispiel haben zuvor einen Premium-Siedler-Titel gespielt. Die Gratisvariante ist profitabler als ein einzelner Siedler-Titel es je war, sagt Yves Guillemot, Chef des Konzerns Ubisoft, zu dem „Die Siedler Online“ gehört.

Ubisoft investiert deswegen sowohl in Blockbuster als auch in kostenlose Spiele. Firmenchef Guillemot: „Beide Modelle ergänzen sich, mit unseren Free-to-Play-Spielen verdienen wir zum ersten Mal Geld in Regionen wie Osteuropa, Russland, Südamerika und in China.“ Zudem vertreibt Ubisoft ältere Spiele nun radikal verbilligt als Download für Smartphones und Konsolen, einige Titel will man komplett umstellen und verschenken. Guillemot: „Wir schaffen so einen Markt wie den für Taschenbücher oder DVDs.“ Mehrfachverwertung sei wichtig, denn: „Es wird schwieriger, mit großen Titeln allein über die Erstverkäufe Gewinn zu machen.“

Analysten gehen davon aus, dass Konsolen und teure Blockbuster die Spielbranche schon bald nicht mehr dominieren werden. Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers erwartet, dass der Umsatz mit Spielen von heute etwa 60 auf 82 Milliarden Dollar im Jahr 2015 wächst, die Konsolenumsätze aber bei 30 Milliarden Dollar stagnieren. 50 Prozent des weltweiten Spieleumsatzes sollen 2015 Online- und Mobiltitel einbringen.

Nintendos Konsole für alle und alles

Das ist die wichtigste Frage auf der E3: Wie reagieren die Blockbuster-Konzerne auf die Konkurrenz von Smartphone-Spielen und Gratis-Titeln? Nintendo baut eine neue Konsole, die beide Gruppen gleichermaßen bedienen soll, die Zwischendurch-Spieler und die Profis. Die Wii u hat dazu einen zweiten, im Controller eingebauten Bildschirm, eine Art überdimensioniertes Tablet, Gamepad genannt.

Nintendo-Chef Satoru Iwata präsentierte am Sonntag in einem Webvideo ein paar Neuigkeiten zur Konsole: Man soll mit dem Gamepad den Fernseher bedienen, im Internet surfen, aber auch mit Freunden im Nintendo-Netz per Videoübertragung chatten können – alles ganz nett, aber eher etwas für Gelegenheitsspieler. Gleichzeitig präsentierte Iwata einen zweiten, bildschirmlosen Controller für die Wii u, der sehr an die Xbox-Steuerung erinnert. Eher etwas für Intensivspieler.

Lob für die Wii-u-Grafik

Es sieht danach aus, dass Nintendo mit der Wii u gezielt um diese Gruppe wirbt: Die Konsole soll schnell genug für grafisch aufwendige Actionspiele sein. Ubisoft-Chef Yves Guillemot, dessen Studios mehrere Wii-u-Titel entwickeln, bewertet die Grafikleistung der neuen Nintendo-Konsole so: „Derzeit gleichwertig oder etwas besser als das, was wir in aktuellen Xbox-360-Titeln sehen. Wenn man bedenkt, dass die Grafik besser wird, je mehr Erfahrung Entwickler mit einer Konsole haben, werden auf der Wii u sicher Spiele entstehen, die man so noch nicht gesehen hat.“

Bei der Nintendo-Konferenz am Dienstagabend (18 Uhr deutscher Zeit) dürfte man erfahren, wann die Wii u erscheinen sollen. Wahrscheinlich wird die Konsole vor Weihnachten in die Läden kommen – vielleicht nur in Japan, vielleicht aber auch in den USA und Europa.

Microsoft macht Fernsehen

Weit weniger wahrscheinlich ist, dass Microsoft bei seiner Pressekonferenz am Montagabend (18.30 Uhr deutscher Zeit) eine neue Xbox vorstellt oder auch nur ankündigt. Die mittlerweile sieben Jahre alte Xbox 360 verkauft sich immer noch gut, in den Vereinigten Staaten seit mehr als einem Jahr besser als alle anderen Konsolen.

Zudem baut Microsoft die Spielkonsole mehr und mehr zu einer Unterhaltungsplattform aus: Man kann mit der Konsole fernsehen, Serien und Filme in Mediatheken abrufen – auch bei Pay-TV-Sendern wie Sky oder HBO (ein Abo vorausgesetzt). Seit Einführung dieser TV-Angebote Ende 2011 ist die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Xbox im Monat um 30 Prozent gestiegen, teilte Microsoft im April mit. Statt neuer Hardware wird Microsoft also womöglich neue Partner aus der Unterhaltungsbranche vorstellen – und viele Kinect-Titel.

Sony braucht eine Vita-Strategie

Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass Sony ein Nachfolgemodell der Playstation 3 vorstellt. Ja, in Planung ist mit Sicherheit neue Hardware. Zuletzt berichtete das „Wall Street Journal„, Sony plane einen Verkaufsstart im kommenden Jahr. Aber warum sollte der Konzern gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf ein noch gar nicht erhältliches Produkt lenken, wo er alle Mühe hat, seine erst seit wenigen Monaten erhältliche Mobilkonsole Vita zu verkaufen? Gut zwei Millionen Vita-Konsolen soll Sony bislang abgesetzt haben, als Ziel hat der Konzern zehn Millionen Stück im kommenden März vorgegeben.

Das könnte klappen, wenn einige großartige Vita-Spiele erscheinen – angeblich ist ein „Call of Duty“ für die Vita in Entwicklung – und wenn Sony den Verkaufspreis senkt. Das hat schließlich bei Nintendos 3DS auch geklappt. Nach enttäuschenden Verkaufszahlen in den ersten Wochen senkte Nintendo den Preis, es erschienen gefeierte Titel wie „Super Mario 3D“, „Mario Kart 7“ und „The Legend of Zelda: Ocarina of Time 3D“. Inzwischen hat Nintendo mehr als 17 Millionen 3DS-Konsolen weltweit verkauft.

Vielleicht ist das eine Hoffnung für die Branche: Gute Spiele locken noch immer Kunden, selbst, wenn sie sich eine neue Konsole kaufen müssen, um „Ocarina of Time“ mit 3-D-Effekt zu spielen.