Sony schließt das „Lemmings“-Studio

„Lemmings“, „Wipeout“, „Discworld“: Das britische Studio Psygnosis hat als Entwickler und Publisher viele Spiele-Klassiker in die Welt gebracht. 1993 übernahm Sony die Firma, um Hilfe bei der Playstation-Entwicklung zu haben. Nun hat der Elektronikkonzern das legendäre Studio geschlossen.

Spiegel Online, 23.8.2012

Fast wäre Psygnosis 30 Jahre alt geworden. Zwei Entwickler gründeten 1984 das legendäre britische Spielestudio in Liverpool, Sony übernahm die Firma in den Neunzigern, zuletzt arbeitete die Firma als SCE Studio Liverpool angeblich an einem neuen Spiel für die nächste Playstation-Konsole. Daraus wird nun nichts mehr, Psygnosis ist endgültig Geschichte, Sony hat das Studio geschlossen.

Am Mittwoch verabschiedete sich das Team auf der Facebook-Seite des in Liverpool entwickelten Rennspiels „Wipeout 2048“ mit diesen Worten bei den Fans: „Vielen Dank für alles, Piloten. Es war eine unglaubliche Reise, wir werden euch vermissen.“

Mit dem Liverpooler Studio endet ein erstaunlich langer Abschnitt in der Geschichte europäischer Spielentwicklung. Das erste Psygnosis-Spiel „Brataccas“ erschien 1985 für Amiga, Atari ST und Mac – zwei dieser Plattformen sind längst Geschichte. Die Firmengründer Ian Hetherington und David Lawson hatten einige Ideen von früheren, wegen des Konkurses ihrer alten Firma Imagine Software nicht abgeschlossenen Projekten mitgebracht.

„Brataccas“ war ein frühes Grafik-Adventure. Man spielt einen von Killern gejagten Gentechniker, der auf einen abgelegenen Bergbau-Asteroiden mit dem komischen Namen Brataccas flüchtet. Dort muss man zwischen allerlei zwielichtigen Gestalten überleben.

„Edge“ lobt in einem Rückblick den Anspruch, Spieler nicht nur über Action mit der Umwelt interagieren zu lassen, sondern sie in Dialoge mit computergesteuerten Charakteren zu verwickeln. Der hohe Anspruch wurde allerdings von einem „der schlechtesten Steuerungssyteme, die je programmiert wurden“ unterminiert – so das zwiespältige Urteil der „Edge“-Redaktion in ihrem Rückblick.

Psygnosis hat als Publisher einige europäische Spiele-Klassiker veröffentlicht, zum Beispiel „Lemmings“. In dem 1991 erschienenen Denkspiel steuert man Horden kleiner, blau gekleideter Wesen durch Labyrinthe voller Gefahren. Man muss möglichst viele der Lemminge zum Ausgang bringen, was dadurch erschwert wird, dass sie stur in eine Richtung laufen, auch in einen gähnenden Abgrund. Man kann einzelne Lemminge Stollen buddeln oder Treppen bauen lassen, manchmal kann man einige mit Fallschirmen ausstatten oder als Wachposten einsetzen (hier eine browser-basierte Version). „Lemmings“ und die vielen Nachfolger verkaufen sich millionenfach – es war der größte Erfolg von Psygnosis. Entwickelt hat „Lemmings“ das britische Studio DMA Design, bei dem später „Grad Theft Auto“ entstand.

Psygnosis hat 1995 das großartige Grafik-Adventure „Discworld“ veröffentlicht, das auf Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen basiert.

Da gehörte die Firma schon seit zwei Jahren zum Sony-Konzern. Psygnosis entwickelte Spiele zum Start der Playstation 1995 wie „Wipeout“, oder „Colony Wars“, zudem unterstützen die Liverpooler Sony bei der Betreuung von Entwicklern. Das Psygnosis-Rennspiel „Wipeout“ ist ein Klassiker des Genres, für jede neue Sony-Konsole erschienen neue „Wipeout“-Titel, zuletzt „Wipeout 2048“ für die Vita.

Es ist eine traurige Wendung der Geschichte, dass Psygnosis nun endgültig geschlossen wird, bevor die nächste Version der Spielkonsole erscheint, die auch dank der Arbeit in Liverpool so erfolgreich war.