Vollformat-Kamera Sony RX1: Die Kleine mit dem großen Auge

Vollformat-Kamera Sony RX1

Die Kleine mit dem großen Auge

Riesiger Sensor, lichtstarkes Objektiv und das Gehäuse klein genug für die Manteltasche: Die Sony RX1 ist ein außergewöhnlicher Fotoapparat, ein Luxusobjekt für Detailfetischisten. Unser Test zeigt, wie gut die erste digitale Vollformat-Kompaktkamera bei Tag und Nacht fotografiert.

Spiegel Online, 20.12.2012

Alles eine Frage der Perspektive: Sonys neuer Fotoapparat RX1 ist die derzeit wohl teuerste (3100 Euro) Kompaktkamera mit fest eingebautem Objektiv. Das klingt nicht so spannend. Man kann aber auch formulieren: Die RX1 ist die bisher leichteste und kleinste digitale Vollformatkamera – weniger als 500 Gramm wiegt sie und dürfte in die meisten Jackentaschen passen. Bislang waren solche Profikameras etwa dreimal so groß und schwer – und mit einem vergleichbaren Objektiv oft viel teurer.
Wolken-Fabrik

So gesehen ist die handflächengroße RX1 eine erstaunliche technische Leistung: Der Bildsensor ist fast genauso groß wie die belichtete Fläche einer Aufnahme auf Kleinbildfilm – nämlich 35,8 x 23,8 Millimeter, das entspricht einer Fläche von 8,52 Quadratzentimetern. Zum Vergleich: Viele normale digitale Spiegelreflexkameras haben Sensoren mit etwa 3,3 Quadratzentimetern Fläche. Eine Kompaktkamera mit einem derartigen Sensor hat bislang kein Hersteller gebaut.

Bildqualität, Bedienung, Gewicht – wie gut ist die RX1?

Das gefällt: helles Objektiv, wenig Rauschen, leichte Kamera

Bildqualität: Die Aufnahmen der RX1 sind außergewöhnlich detailreich und rauscharm, selbst bei hohen ISO-Empfindlichkeiten von 1600 bis 3200. Die klare Abbildung auch feinster Details ist auch dem 35-mm-Objektiv der RX1 zu verdanken, das gut auf den großen Sensor abgestimmt ist. Dass viele Details auch bei höheren ISO-Empfindlichkeiten noch zu erkennen sind, liegt am großen Sensor. Je größer die Fläche, desto mehr Licht erreicht jede Fotodiode, das Signal muss nicht verstärkt werden, es entstehen weniger Störungen, die in Aufnahmen als Bildrauschen auffallen. Wenn die Bildverarbeitung einer Digitalkamera diese Störungen unterdrückt, gehen auch Bilddetails verloren – bei der RX1 ist davon kaum etwas zu sehen. Selbst bei ISO 3200 sind in 100-Prozent-Ansicht Details gut zu erkennen, es ist nur wenig Rauschen erkennbar.

Gewicht und Größe: Die RX1 wiegt 482 Gramm und passt in eine (geräumige) Jackentasche. So schwer sind sonst die kleineren Objektive für Vollformat-Spiegelreflexkameras. Für Aufnahmen mit einer Qualität, wie sie die RX1 bietet, musste man bislang erheblich schwerere Kameras und Objektive mit sich herumtragen (oder Exoten wie die Sigma DP2 Merrill oder Leica M9).

Objektiv: Mit einer Blendenöffnung von f/2 ist das Objektiv sehr lichtstark – durch die derart große Blende fällt viel Licht auf den Sensor. Für Vollformat-Spiegelreflexkameras wie die Sony A99 und die Nikon D600 gibt es noch lichtstärkere Festbrennweiten (f/1,4) – allerdings wiegen diese Objektive allein etwa ein halbes Kilo. Für die Größe und das Gewicht ist das Objektiv der RX1 erstaunlich, auch, was die Schärfe angeht. Ein Gewinde nimmt zusätzlich beispielsweise Grau- und Polarisationsfilter auf.

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Handhabung: Die Kombination von Menüs und Bedienelementen am Gehäuse ist gut gelungen. Auch bei komplett manueller Bedienung ist die Kamera schnell eingestellt. Belichtungskorrektur, Aufnahme- und Fokusmodi lassen sich mit speziellen Rädchen direkt einstellen, die Blendenöffnung verändert man am Blendenring, manuell fokussieren kann man auch am Objektiv. Der Bildschirm hat eine derart hohe Auflösung, dass man sich beim Fokussieren auf die vergrößerte Darstellung verlassen kann. Bei schwierigen Motiven kann man die Kantenanhebung dazuschalten – dann umrandet die Software Konturen in den scharf gestellten Bildbereichen. Das ist hilfreich, denn der scharf gestellte Bildbereich ist bei der RX1 bisweilen sehr schmal. Das liegt an der Kombination aus großem Sensor und einer sehr weit geöffneten Blende.

Nicht so gut: Autofokus, Ausstattung

Autofokus: Der große Sensor macht die RX1 zur idealen Kamera für Nachtaufnahmen – doch funktioniert der Autofokus bei wenig Licht nicht so gut wie sonst. Die RX1 stellte bei unseren Beispielaufnahmen zwar zuverlässig scharf, nur eben nach etwas längerem Suchen. Das ist kein Mangel, wenn man statische Motive vor sich hat. Wenn man bei wenig Licht schnell auslösen will, sind wahrscheinlich eine kleine Blendenöffnung, vorab manuell eingestellter Fokus und eine hohe ISO-Empfindlichkeit besser geeignet als der Autofokus.
Hafen
Bedienungsdetails: Einige Gestaltungselemente bei der RX1 sind schwer nachzuvollziehen. Ein Drehrad für die Verschlusszeit fehlt zum Beispiel, dabei würde es die Bedienung erheblich beschleunigen. Der Makromodus wird über einen Umschaltring am Objektiv aktiviert, das ist unnötige Mühe. Man kann nur zwischen zwei Distanzen wählen – da wäre ein Makro-Schalter an der Rückseite leichter zu bedienen.

Ausstattung: Angesichts von gut 3000 Euro Neupreis ist es merkwürdig, dass Sony kein separates Ladegerät für Akkus beilegt, den Akku kann man nur in der Kamera aufladen. Einen optischen und digitalen Sucher muss man ebenso dazukaufen.

Vorteile, Nachteile, Fazit
+ außerordentlich hohe Bildqualität
+ gut für Nachtaufnahmen ohne Blitz
+ leicht und kompakt
+ auch in manuellem Modus und Halb-Automatik schnell zu bedienen
 teuer
 Autofokus sucht bei Dunkelheit länger
Objektiv nicht wechselbar

Fazit: Die RX1 ist ein außergewöhnlicher Fotoapparat: So leicht und kompakt war bisher keine digitale Vollformatkamera. Im Vergleich mit Spiegelreflex-Vollformatkameras ist die RX1 nicht besonders teuer, die Nikon D600 kostet mit einem vergleichbaren Objektiv fast ebenso viel. Allerdings kann man bei den Spiegelreflexkameras die Objektive auch nach Jahren noch an neuen Vollformat-Gehäusen nutzen und natürlich zwischen mehreren Objektiven wählen.

Lohnt sich die RX1? Ähnlich detailreiche Aufnahmen macht die kompakte Sigma DP2 Merrill, allerdings nur bei Tageslicht. Die DP2M kostet viel weniger als die RX1 – gut 800 Euro. Die RX1 fokussiert bei Tageslicht schneller und macht auch mit hohen ISO-Empfindlichkeiten außergewöhnliche klare und detailreiche Aufnahmen, die DP2M hingegen sollte man nicht über ISO 400 nutzen.
Eis
Wenn man eine kompakte Universal-Kamera sucht und nicht aufs Geld schauen muss, ist die RX1 die richtige Wahl. Für die große Mehrheit der Käufer sind nicht ganz so rauscharme APS-C-Kameras wie die Fujifilm X100 oder Sonys NEX-5N preiswerte Alternativen.
Messberg
Das sagen die anderen: Steve Huff ist begeistert von der „geringen Größe, dem großartigen Objektiv, dem umwerfenden Vollformatsensor, dem guten Autofokus“. Er sieht die RX1 als Konkurrenz für Leica. Pocket-lint.com nennt die RX1 ein „Meisterwerk“ mit ein, zwei kleinen Macken. Digital Photography Review lobt den Bildsensor der Vollformat-Spiegelreflex Sony A99 (es derselbe wie in der RX1): Aufnahmen im Raw-Format der D600 gehören im Hinblick auf den Detailreichtum „zum Besten, das man bislang bei einem 24-Megapixel-Sensor gesehen hat“.

Vollformat-Kameras: Sony RX1 / Leica M9 / Nikon D600
KameraSony RX1Sony A99Nikon D600Canon 5D Mark IIILeica M9
günstigster Preis (Gehäuse / mit Objektiv)30902789 / 39871567 / 29962793 / 40324908 / 7203
Maße Gehäuse (cm)11,3 x 6,5 x 6,914,7 x 11,12 x 7,8411,3 x 14,1 x 8,215,2 x 11,6 x 7,613,9 x 8 x 3,7
Volumen (Gehäuse-Maße), cm³506,80512901306,51340411,44
Objektiv35 mm / f/2SAL-35F14GAF-S NIKKOR 35 mm 1:1,4GCanon EF 35mm f/1,4 L USMSummicron-M 35mm f/2
Naheinstell-Grenze24 cm30 cm30 cm30 cm70 cm
günstigster Preis Objektivfest verbaut1198142912392295
Gewicht (Gehäuse mit Ojektiv ca. in Gramm)482132214501530840
Auflösung (Megapixel)24,724,324,322,318,5
Sensor-Größe (cm²)8,568,528,628,648,56
Megapixel pro cm²2,892,842,822,582,16
Display (Diagonale, Zoll / cm)33 / 7,6 cm3,2 / 8 cm3,2 / 8 cm2,5
Display Auflösung (Pixel / Subpixel)409.600 / 1.228.800409.600 / 1.228.800307.000 / 921.000346.666 /1.040.00076.666 / 230.000
Besonder-
heiten
Messsucher
DateiformatRAW (Sony)/JPGRAW/JPGRAW/JPGRAW/JPGRAW/JPG
* günstigste Preis im deutschen Online-Handel (laut geizhals.at, Stand 19.12.2012