Dieser Mann spielt alle Rollenspiele durch. Alle.

Hunderte Titel, Tausende Stunden vor dem Bildschirm: Chester Bolingbroke will jedes Computerrollenspiel der Geschichte spielen, besprechen und dokumentieren. Die Jahre 1979 bis 1990 hat er schon geschafft, doch in der Gegenwart wird er wohl nie ankommen.

Spiegel Online, 24.9.2013

Chester Bolingbroke geht seine Leidenschaft methodisch an, man könnte auch sagen: akribisch. In einer Tabelle hat er alle Computerrollenspiele notiert, die er durchspielen will. 1191 Einträge umfasst die Liste derzeit, sie beginnt 1979 mit dem „Ultima“-Vorläufer „Akalabeth“ und endet im Jahr 2012. In den vergangen dreieinhalb Jahren hat Bolingbroke immerhin 117 der Titel durchgespielt, besprochen und in einer zweiten Tabelle dokumentiert: Bewertung in zehn Kategorien, Spielzeit und Spieldauer. In insgesamt 2040 Stunden (das sind 85 Spieltage am Stück) hat er sein erstes Jahrzehnt Computerspielgeschichte geschafft. Er spielt gerade im Jahr 1990.

Warum tut ein Mann das?

Der Titel von Bolingbrokes Blog könnte ein Hinweis sein: CRPGaddict – Computerrollenspielsüchtiger. Seit Anfang 2010 schreibt Bolingbroke hier über seine Spielerfahrung, er rezensiert jeden Titel liebevoll, kenntnisreich und erhellend. Wenn man die Kommentare in seinem Blog liest (viele Dutzend bei fast jedem Beitrag), wird klar, dass er eine große, sehr interessierte und bewanderte Fangemeinde versammelt hat. Er ist 41 Jahre alt, Chester Bolingbroke ist ein Pseudonym. Warum? „Ich arbeite als Freiberufler für den öffentlichen Sektor. Ich will nicht, dass Menschen in meinem Job von meinem Spielblog erfahren.“

Verliebt in „Ultima IV“

Bolingbroke spielt zehn bis zwölf Stunden in der Woche. Er lebt mit seiner Frau an der US-Ostküste und ist beruflich viel unterwegs, meist drei Wochen jeden Monat. Er hat sein Notebook immer dabei, die alten Rollenspiele laufen darauf in einem Dos-Emulator. Er spielt auch unterwegs, am liebsten aber zu Hause auf mehreren Monitoren: „Auf denen verteile ich das Spielfenster, mein Kartenmaterial, die Notizen und den Textentwurf.“

Das erste Spiel, das Bolingbroke fesselte, war „Questron“, ein Rollenspiel für den C64, das Mitte der achtziger Jahre erschienen ist. Er erinnert sich: „Ich habe lange ‚Space Invaders‘, ‚Asteroids‘ und andere Atari-Titel gespielt. Aber keines davon packte mich wirklich. Das passierte mit ‚Questron‘, es war das erste Spiel, von dem ich abhängig wurde.“ Wenig später erschien „Ultima IV“, einer der herausragenden Titel jener Zeit mit einer offenen Spielwelt, nichtlinearem Verlauf und einem ungewöhnlichen Konzept: Der Spieler muss seine Figur zu einem Vorbild in acht Tugenden wie Gerechtigkeit, Mitleid oder Demut entwickeln.

Bolingbroke spielte es jahrelang: „Das ist das erste Spiel, in das ich mich verliebt habe, es hat einen großen Teils meines Lebens zwischen dem zwölften und fünfzehnten Lebensjahr eingenommen. Auch Jahre später habe ich jedes Spiel mit ‚Ultima IV‘ verglichen – und immer fehlte etwas.“

Computerrollenspiele auf der To-do-Liste

Über die Jahre spielte er mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Aber immer wieder verlockte ein richtig gutes Rollenspiel Bolingbroke zu einer Marathonsitzung. Als seine Frau 2009 für drei Tage zu einem Kongress fuhr, verbrachte Bolingbroke die Zeit zu Hause mit „The Elder Scrolls IV: Oblivion“. Eigentlich wollte er arbeiten und nur ein paar Stunden spielen. Bolingbroke löste sein Selbstkontrollproblem so: „Mein Problem war, dass Computerrollenspiele mit meiner To-do-Liste konkurrieren, also machte ich sie zu einem Teil meiner To-do-Liste.“ Er beschloss, jedes Computerrollenspiel durchzuspielen und zu dokumentieren.

Seine Texte beschreiben die Stärken und Schwächen jeder Spielmechanik genau. Es ist lesenswert, wie Bolingbroke das Lieblingsspiel seiner Jugend „Ultima IV“ seziert oder beschreibt, warum sich Computerspiele in der Fantasywelt „Forgotten Realms“ so besonders anfühlen.

Mit seiner Frau spielt er „Red Dead Redemption“

Was ihm an den Rollenspielen der Achtziger im Vergleich zu heute auffällt?

„Der Spieler musste viel mehr Zeit, Mühe und Denkarbeit investieren. Er musste Karten zeichnen, Hinweise notieren, Rätsel lösen und seine Expeditionen sorgsam planen. Heute haben große kommerzielle Rollenspiele Kartenautomatik, vorausgewählte Dialoge, automatische Tagebücher und so weiter. Wir haben Grafik- und Klangqualität gewonnen, aber den Nervenkitzel verloren, den man bei alten Spielen hatte, wenn man hektisch in den Notizen blätterte, um die Lösung eines Rätsels zu finden.“

Bolingbroke spielt auch noch aktuelle Titel, zusammen mit seiner Frau auf der Xbox Spiele wie „Red Dead Redemption“ und gerade das Fantasy-Actionspiel „Dragon’s Dogma“. Allein mag er mehr die alten Spiele: „Ich glaube, dass Computerrollenspiele ihren Höhepunkt zwischen 1995 und 2003 hatten, ich freue mich darauf, in dieser Zeit anzukommen.“

Das wird beim gegenwärtigen Tempo noch etwas dauern. Bolingbroke ist zuversichtlich:

„Ich habe 18 Monate für 1988 gebraucht und 14 für 1989. Ich glaube nicht, dass ich je in der Gegenwart ankomme. Aber ich denke, ich werde so lange spielen und bloggen, wie ich lebe, es Blogs gibt und die Spiele verfügbar sind.“