„Der Puppenspieler“ angespielt: Hier rollen die Köpfe

„Der Puppenspieler“ für die Playstation ist ein einzigartiges japanisches Spiel für Kinder und Erwachsene: Man spielt auf einer Theaterbühne und kämpft mit einer Schere gegen Puppen aus Papier und Stoff. Je nach Erfolg applaudiert das Publikum.

Spiegel Online, 1.10.2013

Ich renne die Treppe des Gefängnisturms hoch, passe einen Moment nicht auf, sehe den heranrasenden Fledermausschwarm nicht rechtzeitig, ducke mich zu spät – und schon rollt mein Kopf die Steine hinunter. Schnell hinterher! Ich haste kopflos zurück, erwische mein kullerndes Haupt im letzten Moment, bevor es aus dem Bild rollt, und setze es auf. Ein Leben gerettet.

So etwas passiert im neuen Playstation-Spiel „Der Puppenspieler“ ständig: Die Hauptfigur verliert einen ihrer Köpfe. Drei kann man bei sich tragen, ist einer aus dem Bild gerollt, hat man ein Leben weniger. Das klingt nach einem Spiel für Erwachsene, aber „Der Puppenspieler“ ist von der USK zu Recht ab sechs Jahren freigegeben.

Harmlose Stullen werden zu fetten Burger-Trampolins

Der Held Kutaro ist in eine Holzpuppe verwandelt worden – so wie alle Kinder, die der böse Mondbärenkönig auf den Mond entführt hat. Der Tyrann raubt die Seelen der Kinder von der Erde, versklavt die Mondbewohner und regiert mit Hilfe seines Papiertigers und grausamer Generäle, darunter General Schwein, General Ratte und der furchterregende General Pferd.

An Kutaros Gegnern merkt man: „Der Puppenspieler“ ist ein sehr verrücktes, im besten Sinne seltsames Märchen. An den Absurditäten haben Erwachsene ihre Freude. Der makabere Humor sieht so aus: In einem Level muss man eine Guillotine besiegen. Der erste Endgegner eines Levels ist der riesige General Tiger des Mondbärenkönigs, der seinen Chef allerdings lieber zur Entspannung massieren will, als bewaffnete Puppen zu jagen. Trägt man den Hamburger-Kopf, kann man an einigen Stellen harmlose Stullen in fette Burger-Trampoline verwandeln, von denen man sehr hoch hüpft.

Gameplay mit Schere

Bewaffnet ist Kutaro mit Calibrus, einer magischen Schere. Allein dieses Bild ist großartig: Der Held eines Videospiels kämpft mit einer goldenen Schere, die größer als er selbst ist, gegen violette Fledermäuse und Papiertiger. Viele von Kutaros Gegnern bestehen aus Stoff oder Papier – sie sind Figuren wie er auch. Bei vielen Kämpfen muss man im richtigen Moment den richtigen Schnitt setzen.

So bereichert ein merkwürdiges Werkzeug das Gameplay. Mit Calibrus kann sogar durch die Spiellandschaft gleiten: Durch viele Level verlaufen weiße Bindfäden, hat man die Schere einmal richtig angesetzt, rast man an den Fäden entlang durch die Welt. „Der Puppenspieler“ ist eher ein Jump’n’Cut als ein Jump’n’Run. Kutaro schneidet sich durch Spinnennetze und durch Fledermausschwärme nach oben.

Die klassische Spielmechanik eines Plattformers bereichert „Der Puppenspieler“ um viele großartige Elemente, einige kennt man aus Meisterwerken des Genres wie „Rayman Origins“: Kutaro muss in jedem Level möglichst viele Seelen befreien (das erhöht den Reiz, ein Level noch mal zu spielen), man kann mit einem Controller Kutaros Mitstreiter steuern, zum Beispiel die fliegende Katze YinYang, die Extras von den Wänden stupst.

Die Spielkonsole als Theaterbühne

Die Präsentation von „Der Puppenspieler“ ist einzigartig, weit eigenständiger als das Gameplay: Das Spiel läuft auf einer Bühne ab. Der rote Vorhang geht zu Beginn eines Levels auf, der geraffte Stoff begrenzt das Bild. Die Kulissen werden in einem Level mehrmals vor Augen der Spieler umgebaut. In wahnwitzigem Tempo entsteht aus einer Küche ein Gefängnisturm, Requisiten werden geschoben, Töpfe fliegen raus, es kracht und quietscht, und in Sekunden ist ein neues Bühnenbild zusammengesetzt.

Die tiefe Stimme des Erzählers beschreibt, was passiert, der sehr gute deutsche Synchronsprecher klingt wie ein Märchenvorleser. Scheinwerferspots folgen den Hauptfiguren auf der Bühne, das Publikum klatscht bei besonders waghalsigen und gelungenen Sprüngen und Schnitten, holt erschrocken Luft, wenn es brenzlig wird – und lacht erleichtert zwischendurch.

Die Theateratmosphäre wirkt nicht aufgesetzt, sie fügt sich gut in den Stil und Lauf des Spiels. Es ist eine Freude, hier zuzuschauen, das Bühnenbild, die animierten Figuren und ihre Kostüme zu betrachten. „Der Puppenspieler“ sieht prächtig aus, auf eine ganz eigene Art. Die Grafik ist herausrausragend, hier hat ein Künstler den Stil dieses Spiels gefunden und umgesetzt. Auch die zu erspielenden Extras sind bei „Der Puppenspieler“ reizvoll: Man schaltet unter anderem Bilderbücher frei, die auf jeder Seite in einer animierten Sequenz Hintergründe von Figuren als eigenständige Märchen erzählen.

Fazit: In der ersten Stunde habe ich den ersten von sieben Akten geschafft. Ich werde „Der Puppenspieler“ durchspielen. Es ist neu, gut und in seiner Präsentation stimmig und geschlossen. Das Gameplay ist nicht so eigenständig wie die Grafik, aber es ist wie bei einer guten Inszenierung im Theater: Man kennt das Stück vielleicht, aber so wie hier hat man es noch nie erlebt.

Der Puppenspieler“ von Sony Computer Entertainment für Playstation 3, ca. 40 Euro; USK: ab 6 Jahren