US-Geheimdienste wollen Russen-GPS sabotieren

Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos will in den USA sechs Bodenstationen bauen, die Fehler von Navigationssatelliten korrigieren. US-Geheimdienste sperren sich gegen eine Erlaubnis, angeblich wegen drohender Spionage.

Spiegel Online, 17.11.2013

US-Geheimdienste und das US-Verteidigungsministerium stemmen sich dagegen, dass Russlands Weltraumagentur auf US-Boden sechs Korrekturanlagen für das Navigationssystem Glonass bauen darf. Die US-Regierung muss jetzt über eine entsprechende Anfrage Russlands vom Mai 2012 entscheiden. Laut „New York Times“ stellen sich die CIA und andere US-Geheimdienste quer, andere Ministerien wollen offenbar dem Wunsch Russlands nachkommen. Wegen des Streits in der US-Regierung wurde die Entscheidung nun erneut herausgeschoben.

Die US-Geheimdienste begründen den Widerstand so:

  • Die Bodenstationen würden die Präzision des russischen Navigationssatellitensystems und damit die Zielgenauigkeit russischer Waffen verbessern.
  • Die Bodenstationen könnten zur Spionage genutzt werden.

Der Spionagevorwurf erscheint weit hergeholt. Bodenanlagen zur Korrektur von Navigationssatellitensystemen können auch in der Provinz, weitab von Metropolen und interessanten Richtfunkstrecken stehen. Die US-Geheimdienste nutzen weltweit ihre zentral gelegenen Botschaftsgebäude in Hauptstädten zum Ausspähen von Kommunikation. Anlagen auf dem flachen Land dürften sich für so etwas nur schwer nutzen lassen. Abgesehen davon dürften Bodenstationen zur Korrektur von Navigationssatellitensystemen kaum unter diplomatischen Schutz fallen wie die Spionageanlagen der Amerikaner weltweit.

Bodenstationen korrigieren Turbulenzen

Unstrittig ist allerdings, dass weitere Bodenstationen die Präzision des russischen Glonass-System verbessern würden – dafür sind sie schließlich da. Navigationssatellitensysteme ohne Korrekturmechanismen sind nicht besonders genau. Das liegt vor allem an den Störungen der Signale in der Atmosphäre. Ein GPS- oder Glonass-Empfänger bestimmt seine Position, indem er die Signale von mindestens drei Satelliten empfängt und zusammenrechnet. Doch diese Signale werden durch Turbulenzen in der äußeren Atmosphäre abgelenkt, von Stunde zu Stunde unterschiedlich stark.

Die so verzögerten Signale verändern die am Boden vom Empfänger berechnete Position. Referenzstationen am Boden, wie sie Roskosmos in Nordamerika bauen will, empfangen an einem exakt verorteten Standort die Satellitensignale. Weil die Position bekannt ist, lässt sich die Abweichung der empfangenen Daten exakt ermitteln. Die Messdaten aller Bodenstationen werden zentral zusammengefasst, ein daraus errechnetes Korrektursignal kann per Satellit oder online an Empfänger übertragen werden.

Privatanbieter betreiben weltweit Referenzstationen

Referenzstationen, wie Russland sie nun in den USA bauen will, sind nichts Ungewöhnliches. Die USA haben für ihr staatliches GPS-Korrektursystem WAAS (das in der Luftfahrt genutzt wird) beispielsweise auch in Kanada und Mexiko Bodenstationen in Betrieb. Russland betreibt im eigenen Land und in Brasilien schon lange Glonass-Referenzstationen. Und private Anbieter haben seit Jahren weltweit Referenzstationen für das US-System GPS und Glonass im Betrieb.

Der Traktor-Bauer John Deere hat für sein Korrektursignal StarFire beispielsweise weltweit 40 Bodenstationen im Einsatz. Firmen können Korrektursignale wie OmniSTAR, RangePoint und StarFire abonnieren und so bis auf wenige Zentimeter Abweichung genau die Position bestimmen – das ist zum Beispiel für Roboter in der Landwirtschaft notwendig, um Pflanzenreihen wiederzufinden.

Für die US-Blockadehaltung gegen Glonass-Basisstationen könnte es noch einen dritten Grund geben. Das russische System wird trotz einiger Rückschläge seit Jahren zuverlässiger und besser, viele Profi-Systeme nutzen Glonass-Daten längst zur Präzisierung der GPS-Positionsbestimmung. Und in vielen modernen Smartphones (zum Beispiel iPhone 5, Samsung Galaxy S4) sind Glonass-Empfänger eingebaut. Sollte das System nun durch zusätzliche Basisstationen ohne Aufpreis präziser werden, könnte es dem US-System GPS ernsthaft Konkurrenz machen.

Vielleicht dient die Blockadehaltung der US-Geheimdienste auch wirtschaftlichen Interessen. Der republikanische US-Abgeordnete Mike Rogers, Vorsitzender eines Sicherheitsausschusses, formuliert es so: „Es ist in vielerlei Hinsicht von Vorteil für die Vereinigten Staaten von Amerika, dass die Welt auf GPS angewiesen ist.“