Darf ein Verlag Romanklappentexte überdrehen?

„Is George Clooney romancing James Joyce’s descendants?“  Click-bait heißen solche Schlagzeilen im Netz: Sie suggerieren eine Dramatik, Wucht und Eindeutigkeit, die der beworbene Text nicht hat (dieser Clickbait-Generator liefert lustige Beispiele). Solche Zeilen dienen nur einem Zweck: Klickimpuls auslösen. Wenn die Headline nichts mit dem Text zu tun hat, ärgere ich mich über diese Unehrlichkeit.

Nun geht es mir bei einem Klappentext des wunderbaren Highbrow-Verlags Nagel & Kimche genauso. Ich habe den Roman „Im Namen der Gerechtigkeit“ von Giorgio Fontana gelesen. Es ist eine faszinierende, gänzlich unaufgeregt erzählte, aber höchst spannende Geschichte darüber, wie ein Staatsanwalt sein Denken hinterfragt, wie er methodisch zu einer Entscheidung kommt, auf welche Art Recht, Verfahrensregeln, Rechtsgüter und sein Rechtsempfinden zu vereinbaren sind.

Der Klappentext suggeriert eine völlig andere Geschichte:

„Der leitende Staatsanwalt Mailands wird kurz vor der Rente in ein Dilemma gestürzt.“

Er will nicht in Rente, sondern in die Provinz, auf einen ruhigeren Posten. Aber okay, „kurz vor“ suggeriert hinreichend vage etwas Dringlichkeit.

„Gerade will er seinen letzten Fall und damit seine Karriere erfolgreich abschließen,“

Der Fall ist nicht sein letzter, es ist eine Routine-Berufung, die ihm wie Dutzende andere auch zugeteilt wurde.

„da überzeugt ihn eine junge Journalistin von der Unschuld des Angeklagten. Nach dem Gesetz könnte er bei der Anklage bleiben, folgt er aber seinem Gewissen, muss er sie zurückziehen – und sich selbst belasten.“

Nein, er muss sich nicht belasten. In einer langen Passage breitet er seine juristische Argumentation in dem Fall aus. Gefragt ist, ob es Verfahrensfehler gab. Er entdeckt eine Reihe von Fehlern der Kollgen, alles formaljuristische Schlampigkeiten. Sie haben nichts mit seiner Wandlung und der Wahrheit in diesem Fall zu tun. Sie sind aber das beste Mittel, um in der Berufung als Staatsanwalt einen Freispruch zu beantragen. Die Wahrheit ist es nicht, weil diese nicht in vor Gericht verwertbarer Form vorliegt.

Der Klappentext suggeriert einen Grisham-Justizplot, der Roman erzählt aber ohne konventionelle Dramatik von Rechtsphilosophie, Gewissen und methodischem Denken. Dieser Klappentext ist unlauteres Clickbaiting.