Was muss Medienaufsicht über digitale Öffentlichkeit wissen und welche Daten braucht’s dafür?

Wer Empfehlungsalgorithmen für Medieninhalte baut und einsetzt, macht da redaktionelle Arbeit. Über die These kann man streiten, aber das will ich hier nicht. Was folgt daraus, wenn man diese Einschätzung teilt? Einige Medienrechtler sagen: Es gibt zu wenig Empirie, um zu entscheiden, was wie zu regulieren ist. Wir wissen gar nicht im Detail, was sich wie verändert. Da braucht es mehr Forschung! Und einige Forscher sagen: Würden wir gerne erforschen, aber wir kommen nicht an die Daten, die es dafür braucht. Dafür bräuchte es regulierten Datenzugang.

Ich hätte da einen konstruktiven Vorschlag, damit die Debatte mal vorankommt: Wir (Medienaufsicht, Regulierer, interessierte usw.) formulieren die zehn drängendsten Forschungsfragen. Fragen, die es fortwährend zu untersuchen gilt, wenn man eine empirisch fundiert beschreiben will, wie Intermediäre Öffentlichkeit herstellen und wie sich ihr Wirken verändert. Dann versuchen die Medienanstalten, diese Fragen zu beantworten, erstmal z.B. mit Machbarkeitsstudien für Gutachten. Wenn herauskommt, dass die Datenlage keine belastbaren Antworten erlaubt, hat man ein Regulierungsthema: Beforschbarkeit schaffen! Daten her. Wenn die Antworten machbar sind, kann die Medienaufsicht die entsprechenden Studien beauftragen und die Antworten geben.

Hier meine fünf bescheidenen Vorschläge für die #10Fragen. Was müssen wir wissen? Freue mich über Fragen und Diskussion per E-Mail und unter dem Hashtag #10Fragen in den relevanten Intermediären.

  1. Werbeanteile: Wie hoch ist der Anteil von Werbung an allen Inhalten, die der Intermediär Nutzern anzeigt? Operationalisiert in Minuten je Nutzungsstunde und/oder als Anteil aller Einblendungen in individualisierten Feeds.
  2. Anteile bezahlter Verbreitung organischer Inhalte: Wie hoch ist der Anteil bezahlter Einblendungen organischer Inhalte an allen Einblendungen in den Feeds von Nutzern? Für wie viele Views hat ein Verbreiter den Intermediär bezahlt?
  3. Ausmaß expliziter Personalisierung: Wie hoch ist Antei von Nutzern, die Angebote zur bewussten Konfiguration der algorithmischen Personalisierung wahrnehmen und beispielsweise Profile ausblenden, verstummen lassen usw. – Anteil an allen aktiven Nutzer z.B. je Monat.
  4. Bedeutung von Instantpersonalisierung: Wie hoch sind bei algorithmisch sortierten Videoplattformen wie Youtube die Anteile unterschiedlicher Sehimpluse an der Menge alle abgespielter Clips im Monat? z.B.: Die per Autoplay als erster Vorschlag nach einem Clips eingeblendeten abgespieleten Vidoes?   
  5. Relevanz medien- und presserechtlich regulierter Akteure: Wie hoch ist der Engagement-Anteil am Gesamtengagement von Inhalten, die aus Profilen / Kanälen in Deutschland medienrechtlich besonders privilegierter und regulierter Anbieter (z.B. über Zulassungsverfahren usw.) stammen?

Nun der wichtigste Punkt: Was denken Sie? 

Freue mich über Fragen und Diskussion per E-Mail und unter dem Hashtag #10Fragen in den Intermediären.

Hier Ergänzungen aus der Diskussion:

  • „Zunächst bräuchten wir vielleicht so etwas wie eine Liste der populärsten alg. Produkte innerhalb großer Plattformen, also Newsfeed (Facebook), Next Video (YouTube), Pers. Suchergebnisse (Google) usw. Dann ließen sich konkretere Fragen entwickeln.“ (Cornelius Puschmann)
  • „Prozentual Klick zum Originalartikel von Mainstream Media (d.h. von social media Posts der Leitmedien und vom ÖRR) bei den verschiedenen gesellschaftlichen clustern (Alter, Geschlecht, sozialer Status (diverse Parameter), Bildung, …)“ (Richard Ralfs)
  • „Überhaupt: Anteil der Aufrufe in Vorschauen referenzierter Inhalte (Facebook, Twitter, Google Knowledge Panel)“ (Konrad Lischka)
  • „Wie hoch ist der Personalisierungsanteil (Google)?“ (Cornelius Puschmann)
  • „Wie vielfältig sind die empfohlenen Inhalte (YouTube, Facebook)?“ (Cornelius Puschmann)
  • „Wer folgt Empfehlungen (alle)?“ (Cornelius Puschmann)