Ich habe im Urlaub Alain de Bottons Buch „The News: A User’s Manual“ gelesen. Es ist vor einem Jahr erschienen, in Deutschland kaum diskutiert worden. Leider. De Botton analysiert den Journalismus (darum geht es trotz News im Titel) aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Obwohl ich nur einigen von de Bottons Thesen zustimme, war das bereichernd, auch für einen neuen Blick auf Buzzfeed, Vice und vor allem Plattformen im Netz, die Aufmerksamkeit verteilen und gerne Journalismuszulieferer weiter integrieren würden. Über all das schreibt de Botton zwar nicht direkt, legt aber eine gutes Fundament für eine neue Sicht auf Funktionen von Plattformen und einzigartigem Journalismus.

Wie sieht de Botton Journalismus?

Auf die Sichtweise des Autors und Philosophen können sich Journalisten und Journalismus-Konsumenten wohl nur mit etwas Abstand zum Newsroom-Tagesgeschäft einlassen ohne in Schnappatmung zu verfallen. De Botton akzeptiert nicht, dass Gipfeltreffen, Unfälle, Morde, Quartalsbilanzen, Äußerungen von Stars per se wichtig sind. Man kann das weltfremd und als Argumentation etwas billig finden, aber es bringt mehr, sich einmal auf die Argumentation einzulassen.

De Botton fragt nur danach, wie bestimmter Journalismus Menschen beeinflusst und dadurch die Gesellschaft prägt.

(Caveat: Da de Botton seinen Text als Erzählung entlang von Phänomenen und Beobachtungen aufbaut, muss man sich die Thesen wie aus einem Baukasten zusammenklauben. Hier mein Versuch, einen Eindruck seiner Denkweise zu vermitteln. Die Zitate habe ich aus dem ganzen Buch herausgepickt und strukturiert. Es ist meine Interpretation de Botton, nicht sein Drei-Punkte-Papier oder derlei. Das Buch ist kurz und wie eine Erzählung zu lesen – kann ich nur empfehlen.)

Was sind good news?

Also nicht einmal: Was bewirken gute Nachrichten in de Bottons Sinn?

  1. Sie machen ihre Konsumenten zu besseren Menschen.
    „In the face of all the distractions and confusions thrown at us, political news should elicit our interest in the complex mechanics of our societies, help us to agitate intelligently for their reform and accept certain obdurate limitations without fury. Political news should create a rounded, tolerable nation in the imagination of its audience, allowing for moments of pride and collective sympathy.“

  2. Sie wecken positive Emotionen beim Konsum.
    Zum Beispiel Promi-Berichterstattung: „In this category, we would be introduced to some of the most admirable people of our era – as judged by mature and subtle criteria – and guided as to how we might draw inspiration and advice from them. The famous would make us envious in productive and measured ways, helping us to realize our own genuine but timid talents by the example of their audacity and perseverance. But we would also be reminded that the best cure for a longing for fame would ultimately be a world in which kindness and respect were more generously and evenly distributed.“

  3. Sie verbessern die Gesellschaft.
    Politikbericherstattung: „It should monitor not just those in power but all the systemic ills that hold back the community, while additionally recognizing its own momentous capacity to influence the values of the nation it comments on.“
    Wirtschaftsberichterstattung: „Ideally, this genre would not only illuminate current economic developments but also investigate the many intelligent and workable theoretical approaches which could effect saner, more fulfilling versions of market capitalism, thereby quashing both our unnecessary cynicism and our immature rage. It would at the same time represent the activities of businesses in terms that stretched beyond the cold economic data required by investors.“
    Auslandsberichte: „It should, by appropriating some of the techniques of travel literature and by constant recourse to great photo journalism, help us to humanize the Other in our minds, shaking us out of our globalized provincialism.“

De Botton hat einige Vorschläge, wie das konkret umzusetzen wäre. Zum Beispiel:

  1. Zusammenfassen und erklären statt zerschnipseln
    „But the modern world is teaching us that there are dynamics far more insidious and cynical still than censorship in draining people of political will; these involve confusing, boring and distracting the majority away from politics by presenting events in such a disorganized, fractured and intermittent way that a majority of the audience is unable to hold on to the thread of the most important issues for any length of time.“

  2. Das ganze Bild zeigen.
    „In any nation at any given point there is a welter of conflicting evidence about what is going on in the land. There will be several paedophiliac murderers at work, but there will also be tens of millions who don’t favour abusing and bludgeoning children to death. Some people will be drawn to murdering partners who have been unfaithful with a meat cleaver, but the majority will tearfully and angrily muddle along. 65 million people go to bed every night without murdering or hitting anyone. There are so many different versions of ‘reality’, it is impossible to speak of the nation as if it were a single thing that could daily be captured by the most determined news organizations. Herein rests an enormous and largely uncomprehended power: the power to assemble the picture that citizens end up having of one another; the power to dictate what our idea of ‘other people’ will be like; the power to invent a nation in our imaginations.“

  3. Eine andere Dramaturgie und Inszenierung wählen.
    „For example, it is often painfully hard to find an affordable and tolerably attractive neighbourhood to live in, but this doesn’t seem to be the ‘fault’ of anyone who could be sent to prison. Far too many jobs pay too little, lack interest and status and are overseen by unpleasant managers and bosses, but it would be hard to know how to frame such problems in the language of a news scandal.“

Was hat das mit Plattformen im Netz zu tun?

Diese auf die Wirkung und die Funktion gerichtete Perspektive lässt sich auch auf Newsfeeds und Echtzeit-Journalismus anwenden. De Botton tut das nicht, hier mein Versuch aus Konsumentensicht: Über einen Tag hinweg in vielen neuen Happen erzählen Geschichten (“developing“) wirken vor allem spannend. Man sollte dranbleiben, wie bei einer Live-Übertragung oder einer Fernsehserie. Es gibt in einzelnen Updates neue Wendungen, neue Aspekte, neue Figuren oder alte Figuren in neuem Licht. Bis die Geschichte irgendwann einmal auserzählt ist.

Wenn man sich einmal auf de Bottons Sicht eingelassen hat, Wirkung und Funktion von Echtzeit-Nachrichten mit viel Abstand analysiert, kommt einem sein Ansatz gar nicht so weltfremd vor. Instrumente wie Personalisierung und Dramaturgie eines Nachrichtenstrangs sind nicht von der Welt vorgegebenen, sondern gewählt. Sie wirken auf viele Nutzer offenbar fesselnd. Man bleibt dran, weil es spannend und wichtig ist.

Aber wie wirkt diese Erzählweise auf die Menschen noch? Wissen wir nicht. Wir können uns nur fragen, wie dies auf uns selbst wirkt. Mich machen Echtzeit-Nachrichten traurig, sie stumpfen mich ab und verwirren. Nach vier Wochen mit dem Economist, der London Review of Books und den von The Browser empfohlenen Artikeln fühle ich mich besser. Aber dieses Experiment kann nur jeder für sich selbst machen, mehr Aussagekraft hat das nicht. Ein Blick in die Kommentare unter Artikeln erweckt den Eindruck, dass dort viele Menschen negativ gestimmt sind. Ihre Äußerungen klingen oft wütend, frustriert und böse. Aber auch das ist nicht repräsentativ.

Zurück zu den Plattformen: Sie unterhalten und wecken mit einem weit größeren Spektrum von Quellen und Angeboten das Gefühl, dranbleiben zu müssen. Ich finde, da wirkt der Newsfeeds von Facebook ähnlich wie der Nachrichtenstrom eines journalistischen Angebots im Netz. Allein: Facebook ist unterhaltsamer (subjektiv). Diesen Wettkampf kann eine Redaktion kaum gewinnen. Gute Nachrichten, wie sie de Botton vorschweben, hingegen sind etwas, könnte nur eine Redaktion schaffen.

Alain de Botton: The News: A User’s Manual, Hamish Hamilton, 2014, 272 Seiten