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Kennedy statt Laserwaffen (Süddeutsche Zeitung, 8.3.2001)

Konrad Lischka
Konrad Lischka
2 minuten gelesen

Kennedy statt Laserwaffen

Warum Philip Kerr nicht über die Zukunft, aber dennoch Science Fiction schreibt

Süddeutsche Zeitung, 8.3.2001

Philip Kerr hinterlässt keine Spuren. Die Welten, die der 55jährige Autor in seinen bisher zwölf Büchern herbeischrieb, sind so unterschiedlich, dass ein Kerr-Kosmos schlicht nicht zu existieren scheint. Kerr behandelt etwa Blutbanken auf dem Mond und Privatdetektive im Berlin der Nazizeit.

In Deutschland ist der Brite durch den Roman "Das Wittgensteinprogramm" bekannt geworden, der 1995 mit dem deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet wurde. Er spielt im London des Jahres 2013. Die Wissenschaft ist soweit, das potentielle Mörder anhand einer Anomalie im Gehirn erkannt werden können. Es existiert eine Polizeidatenbank mit möglichen Tätern, die bei Morden nach Übereinstimmungen mit den Verdächtigen durchsucht wird. Eines Tages beginnt einer der dort geführten Kriminellen, die übrigen umzubringen.

"Das Wittgensteinprogramm" zeigt exemplarisch, warum Kerr prädestinierter Gast für die Bücherwoche in München vom 8. bis 21. März unter dem Motto "Fiction and Science" ist. Nicht etwa, weil der ein oder andere Roman von ihm in der Zukunft spielt. Sondern weil Kerr mit möglichen Ausprägungen von Zukunft experimentiert, ganz ähnlich wie die Wissenschaft es tut. Lange Passagen von "Das Wittgensteinprogramm" sind aus der Sicht des Täters geschrieben, der eine Philosophie zu entwickeln sucht, die den technischen Möglichkeiten der Vorhersage seines Schicksals Rechnung trägt. Kerr schreibt sehr präzise über Situationen, nicht so sehr über Personen. Er setzt gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Strukturen mit Technologie und dem Menschen in Beziehung und beschreibt, was sein könnte. Dass Kerr Jura und Rechtsphilosophie studierte, erklärt sicher teilweise sein Gespür für die Interaktion zwischen Strukturen und Individuen.

Als Science Fiction verstanden hat Kerr nichts mit den Klischees der Raumschiffe und Lichtschwerter zu tun. Selbst sein Roman "Game Over", der einem Topos der Science Fiction am nächsten kommt – nämlich dem des durchdrehenden Computers – spielt an einem seltsam gegenwärtigen Ort, einem Haus in Los Angeles. Dass hier ein Computer Leute gefangen hält und der Reihe nach umbringt, klingt platter als es ist. Was Kerr eigentlich lsichtig beschreibt, ist eine heute schon erahnbare Entwicklung: Der Mensch flüchtet nicht in einen mühsam konstruierten Cyberspace, vielmehr wird er von diesem langsam eingewoben.

In all seinen Büchern fällt Kerrs genaue Kenntnis der Technik auf. Im Yeti-Thriller "Esau" reicht dieses bis zu Steigeisen. Auf der Basis dieses Wissens entwickelt Kerr mögliche Realitäten. In "The Shot" ist das etwa ein John F. Kennedy, der von der Mafia geschützt, aber von einem Profikiller verfolgt wird, mit dessen Frau sich JFK vergnügte. Science Fiction im besten Sinn – und ohne Laserwaffen.


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